Mit der WN7 bringt Honda nun sein erstes rein elektrisch angetriebenes Motorrad. Das hält einige Überraschungen parat.
Weder auf dem deutschen noch dem europäischen Motorradmarkt spielen E-Motorräder eine größere Rolle: So sah sich der US-Anbieter Zero bei seiner E-Motorrad-Palette im letzten Jahr zu Preisnachlässen bis zu 5.000 Euro gezwungen, und BMW-Chef Markus Flasch hat erst zu Jahresbeginn bekräftigt, dass die Bayern keine Modelle auf den Markt bringen werden, für die es keine Kundennachfrage gibt. Auch Yamaha hält die Füße still. Derweil bedarf Harleys Livewire-Palette erheblicher Finanzspritzen, und Kawasakis Hybrid-Motorräder des Types Z7 sind aktuell zu radikal gesenkten Aktionspreisen zu haben.

Honda wagt den Schritt zum E-Motorrad dennoch und kommt mit seinem ersten vollwertigen Elektromotorrad auf den Markt. Das Modell WN7 zählt zur A2-Katzegorie, die Normleistung liegt bei 30 PS. Aber es handelt sich um ein ernstzunehmendes Motorrad. Mit weltweit keinem anderen A2-Bike lässt sich dermaßen schnell beschleunigen: Die 50 kW/68 PS Spitzenleistung sind zwar nur kurzfristig abrufbar, sorgen aber für großes Fahrvergnügen, weil die Honda-Entwickler es verstanden haben, das Gewicht dieses Zweirads in engen Grenzen zu halten. 217 Kilogramm und 100 Newtonmeter Drehmoment stellen eine vorzügliche Kombination dar. Die lässt sich Honda mit rund 15.000 Euro aber recht teuer bezahlen.
Wenig Gewicht, aber 100 Nm Drehmoment
Eines der Geheimnisse hinter der Niedriggewicht-Strategie ist der Verzicht auf einen herkömmlichen Rahmen: Der Akkublock aus 576 Zellen übernimmt eine mittragende Funktion, verbindet also den Vorderbau mit dem Heckteil des Motorrads. Die restlichen tragenden Teile sind aus Aluminiumguss gefertigt. Der wassergekühlte E-Motor hat ein schwerpunktgünstiges Plätzchen vor dem Hinterrad gefunden und ist damit ein wesentlicher Bestandteil des Handlingkonzeptes: Die Handhabung der WN7 fällt nämlich im Stand, beim Rangieren und auch beim Fahren ausgesprochen leicht.

Verglichen mit den elektrischen US-Boliden handelt es sich beinahe um ein Spielzeug, so leicht lenkt die Honda ein und so willig geht sie in Schräglage. Dabei bleibt sie stets hundertprozentig stabil. Nicht zuletzt dank des Riemenantriebs geht die Fahrt stets ausgesprochen leise vonstatten; das ansonsten bei E-Motorrädern häufige Sirren und Surren tritt bei der WN7 nur ansatzweise auf. Da mangels Verkleidung auch keine Turbulenzen am Helm existieren, ist es beim Fahren angenehm leise.
Kommen wir zum Knackpunkt aller E-Fahrzeuge, dem Laden der Batterie. Der Akku weist eine Kapazität von schlanken 9,3 kWh auf, die Spannung beträgt 350 Volt. Als Reichweite gibt der Hersteller „bis zu 140 Kilometer“ an, was natürlich vom Fahr- wie vom Straßenprofil abhängt. In der flachen Umgebung im Süden Málagas sowie im bergigen Hinterland benötigten wir stets eine ordentliche Zusatzdosis Energie gegenüber den Normwerten: Ausgehend vom 100 Prozent Ladestand beim Start brauchten wir bei typisch motorradgemäßer, also nicht sparsamer Fahrweise stets um die zehn Prozent der Batteriekapazität für zehn Kilometer, was auf eine Praxisreichweite von 100 Kilometer hinausläuft.

Reichweite der Honda WN7: 140 Kilometer
Wer sich beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit etwas zurückhält, wird die angegebenen 140 Kilometer wohl schaffen. Womit klar ist: Diese Honda ist kein Bike für den großen Alpen-Tagesausflug. Man sollte es bei 100 Kilometer-Ausflügen belassen – oder unterwegs nachladen. Der leere Akku verlangt an der Haushaltssteckdose zwar 5,5 Stunden Geduld, aber wer eine Schnellladesäule ansteuert, kann innerhalb von 30 Minuten von 20 auf 80 Prozent Batteriefüllstand kommen.
Elektronisch ist die Honda WN7 natürlich topaktuell: Vier Fahrmodi mit unterschiedlichen Rekuperationskurven beim Gaswegnehmen sorgen für wildes oder mildes Vorwärtskommen sowie für die Energie-Rückgewinnung. Diese lässt sich dankenswerterweise frei mit den Fahrmodi kombinieren. Auf den verkehrsarmen andalusischen Bergstraßen bevorzugten wir die Kombination „Sport“ mit der maximalen Rekuperation, wobei dann kaum mal gebremst werden muss.

Die Folge: Fahrspaß pur! Erstaunlicherweise sogar jenseits der 100 km/h-Schwelle: Selbst bei Tempo 115 beißt der E-Motor noch kräftig zu, beschleunigt die Fuhre schnell auf Höchsttempo. Honda nennt 129 km/h, der Tacho zeigt etwas mehr an. Es gibt aber auch eine pfiffige, auf 5 km/h begrenzte „Rangier-Fahrhilfe“. Dass volle Konnektivität geboten ist, versteht sich von selbst. Auch eine 11-kW-Version für den kleinen A1-Führerschein gibt es; das wilde Drehmoment von 100 Nm ist stets an Bord.
Wer mit dem Kaufpreis von 15.400 Euro kein Problem hat und auch mit dem Aktionsradius von 100 bis 140 Kilometern auskommen kann, erhält mit der Honda WN7 ein vertrauenerweckendes, gut anzusehendes E-Motorrad mit Fahrspaß-Garantie. Ulf Böhringer/SP-X
Honda WN7 (18 kW-Modell) – Technische Daten:
Motor: Flüssigkeitsgekühlter Elektromotor, max. Dauerleistung 18 kW/30 PS, Spitzenleistung 50 kW/68 PS. Drehmoment 100Nm; Einfanggetriebe, Riemen-Sekundärantrieb.
Batterie: Lithium-Ionen, Spannung 349,44 V, Nennkapazität 9,3 kW; integriertes Laderat Typ 2, Ladezeit 5,5 Std., an der Wallbox 2,4 Std; an DC-Säulen 30 Min. von 20 auf 80 Prozent Kapazität.
Fahrwerk: Aluminiumgussteile an Front und Heck, Batterie mittragend; USD-Telegabel vorne, nicht einstellbar, 12 cm Federweg; Riemenantrieb, Zentralfederbein, Federvorspannung einstellbar, 12 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen Pirelli Diablo Rosso III120/70-17 (vorne) und 150/60-17 (hinten). 29,6 cm Doppelscheibenbremse mit Doppelkolben-Schwimmsattel vorne, 25,6 cm Einscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten.
Assistenzsysteme: Kurven-ABS, schräglagenfähige Traktionskontrolle, vier Fahrmodi plus Vorwärts- und Rückwärtsfahrhilfe in Schrittgeschwindigkeit, einstellbare Rekuperation, Geschwindigkeitsbegrenzer nach Wahl
Maße und Gewichte: Radstand 1,480 m, Sitzhöhe 80 cm, Gewicht 217,5 kg, Zuladung 150 kg.
Fahrleistungen (Werksangaben): Höchstgeschwindigkeit 129 km/h; Reichweite 140 km.
Preis: 15.409 Euro.


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