Braucht es unbedingt immer größere E-Autos? Der kleine und dennoch geräumige Kia Ray EV ist das Gegenteil – leider nur in Korea.
Bip bip. Ein Druck auf den Schlüssel und der Kia Ray EV antwortet mit einem Piepton. Die Schiebetür gleitet auf, der Fotograf will’s gleich wissen und setzt sich nach hinten. Ein kurzer Blick hinein durch die riesige Öffnung: Von außen winzig, innen plötzlich erstaunlich geräumig. Schnell die Fototasche im Heck verstaut – sogar in einem so kleinen Auto gibt’s eine elektrische Klappe – und los geht’s.

Man sitzt hoch in dem nur 3,60 Meter kurzen Wägelchen, das an japanische Kei-Cars erinnert, jene extrem platzsparenden Minivans, die möglichst viel Innenraum auf möglichst kleiner Grundfläche bieten. Gerade Linien, hohe Dachkante, schmale Karosserie, dazu hinten rechts eine Schiebetür wie bei einem kleinen Van. So bietet der Kia viel Luft über dem Kopf und erstaunlich viel Abstand zwischen Vorder- und Rückbank. Dann fällt die Tür blechern scheppernd wieder ins Schloss. Hochwertig wirkt das nicht. Muss es auch nicht. Der Ray EV soll einfach nur praktisch sein.
Das lässt er schon auf den ersten Metern spüren. Aus der Tiefgarage windet sich die Betonschnecke in engen Kehren Richtung Ausfahrt. Große SUV müssen hier mehrfach korrigieren und sich Zentimeter für Zentimeter an den Betonwänden vorbeizirkeln. Der kleine Kia dagegen huscht beinahe spielerisch die engen Kurven hinauf. Ein kurzer Lenkeinschlag, kaum Rangieren, dann taucht der kastige Mini-Van in den dichten Verkehr von Seoul. Zwischen den großen Limousinen, stylischen Elektro-SUVs und Bussen wirkt der Winzling wie ein Auto aus einer anderen Zeit, wenn er sich lautlos in die kleinste Lücke zwängt.
Der Ray gehört zum Straßenbild
Während in Europa ein Wettrüsten um Reichweite, Leistung und Batteriegrößen läuft, verfolgt Kia mit dem Ray einen pragmatischen Ansatz. So wie früher Smart Electric Drive, Toyota iQ, Opel Adam oder VW Up. Sie zeigten einst, wie kompakte Stadtautos funktionieren können. Doch der Markt verlangte größere Fahrzeuge und immer strengere EU-Vorgaben bei Assistenzsystemen und Sicherheitstechnik gaben ihnen den Rest.

Umso erstaunlicher, dass Kia das Minicar nicht nach Europa bringt. Aber vermutlich würden er an strengeren Crashvorgaben und hohen Homologationskosten scheitern. 2011 startete er mit einem Dreizylinder-Verbrenner, kurz darauf folgte der EV als erstes Serien-Elektroauto eines koreanischen Herstellers.
Die ersten Fahrzeuge gingen vor allem an Behörden, kommunale Einrichtungen und staatlich unterstützte Mobilitätsprojekte in Seoul. Heute gehört der Ray EV ganz selbstverständlich zum Straßenbild, nicht nur in der Millionenmetropole Seoul. Genutzt als Shuttle oder Sharing-Fahrzeug, als privates Stadtauto oder ohne Rückbank als Mini-Transporter.
Mit guter Übersicht durch große Scheiben surren wir durch die City. Extrem kurze Überhänge vorne und hinten helfen dabei. Wo die Windschutzscheibe ins Armaturenbrett übergeht, endet praktisch schon die Front des Autos. Parkpiepser? Überflüssig. Wo große SUV an engen Kreuzungen rangieren müssen, huscht der Ray beinahe spielerisch durch schmale Gassen und Parklücken.
Motorleistung? 64 kW reichen völlig
Der Elektroantrieb passt deutlich besser zum Charakter des Autos als die üblichen Kleinwagen-Benziner. Leise gleitet er dahin, seine 64 kW/87 PS genügen völlig. Gerade an Ampeln wirkt der Ray munterer, als die Zahlen vermuten lassen. Die starke Rekuperation ermöglicht entspanntes One-Pedal-Fahren im Stadtverkehr. Querfugen und Kanaldeckel reichen die kurzen Federwege allerdings recht direkt weiter. Auch die schmalen Sitze zeigen schnell, dass Komfort hier nicht oberste Priorität hatte.

Fotostopp am Ufer des Han-Flusses. Besonders clever wirkt die asymmetrische Türlösung auf der Beifahrerseite mit großer Schiebetür, während vorne die Tür beinahe im rechten Winkel aufschwingt. Das ergibt eine riesige Einstiegsöffnung, wie man sie sonst nur von großen Vans kennt. Super in engen Parkbuchten oder beim Beladen. Hinter dem Kia-Logo in der Front sitzt gut erreichbar die Ladebuchse, ebenfalls ganz auf den Stadtalltag ausgelegt.
Auch im Innenraum geht es nur um Funktionalität. Nüchterne Instrumente, eine verschiebbare Rückbank, deren Lehnen sich in der Neigung anpassen oder komplett umklappen lassen. Kia bewirbt den Wagen sogar als Mini-Camper, in dem sich zwei Erwachsene langlegen können.
Der Ray von 2026 basiert immer noch auf der ersten Generation. Doch ein Facelift brachte 2023 einen komplett neuen Elektroantrieb mit einer 35-kWh-LFP-Batterie. Beim Start zeigte der Bordcomputer 254 Kilometer Reichweite an, und der Wert sinkt nur langsam. Ein Zeichen dafür, wie effizient der Wagen im Stadtverkehr unterwegs ist.
35-kWh-Akku für 254 Kilometer
In Korea startet der Viersitzer aktuell bei umgerechnet etwas mehr als 16.000 Euro, die besser ausgestattete Version Air liegt bei rund 17.200 Euro. Optional lässt sich der kleine Stromer mit Wärmepumpe, Sitzheizung vorne und hinten oder zusätzlichen Fahrassistenten aufrüsten. Von solchen Preisen können EV-Käufer in Europa nur träumen.

Natürlich ist der Ray EV kein Langstreckenauto. Bei Tempo 100 pfeift der Fahrtwind um die Frontscheibe, Verwirbelungen von Lkw bringen den kurzen Wagen schnell aus der Ruhe. Wen stört’s, für schnelles Tempo ist er nicht gedacht.
Am Ende der Fahrt parken wir den kleinen Stromer Kopf an Kopf neben einen Kia Carnival. Der große Van ist fast 1,60 Meter länger, braucht viel mehr Verkehrs- und Parkfläche. Trotzdem wirkt der Ray nicht klein, sondern vernünftig. Zurück in der Hotelgarage hängen wir ihn wieder an die Steckdose. Für rund 50 Kilometer durch Seoul genügten ihm gut sechs Kilowattstunden Strom. Hanno Boblenz/SP-X


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