Europas Autohersteller wollen schneller werden - nicht allein in der Produktion. Foto: Renault

Ist Europas Autoindustrie zu lahm?

Träge, langsam, schläfrig – Europas Autoindustrie sieht im Vergleich aktuell nicht besonders agil aus. Das soll sich ändern.

Autos in wenigen Monaten entwickeln, Werke in Rekordzeit aus dem Boden stampfen und auch bei der Produktion richtig Gas geben: Chinas Autobauer gelten vielen aktuell als das Maß der Dinge, was Geschwindigkeit und Effizienz angeht. Neben niedrigen Lohnkosten, politischem Rückenwind und dem großen Heimatmarkt zählt das irre Tempo wohl zu den größten Wettbewerbsvorteilen von BYD, Geely und Co. Europas Autobauer können da aktuell kaum mithalten – chancenlos sind sie aber nicht.

Chinesische Autobauer bringen neue Modelle 25 bis 30 Prozent schneller auf den Markt als die Konkurrenz aus Europa, wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger ergibt. Die hohe Geschwindigkeit macht laut den Autoren des „China Speed“-Report zumindest einen Teil des niedrigen Kostenniveaus der dortigen Hersteller aus. Insgesamt können sie 20 bis 30 Prozent günstiger produzieren, so die Experten.

Komplexität extrem begrenzt

Das China-Tempo ist Ausdruck eines neuen industriellen Standards. Roland Berger beschreibt ein ganzes System aus schnelleren Entscheidungen, früher Lieferanteneinbindung, stärkerer Digitalisierung, paralleler Hard- und Softwareentwicklung sowie schlankeren Organisationen. Ein untersuchter chinesischer Hersteller verkürzte seinen Entwicklungsprozess demnach um bis zu 14 Monate – unter anderem durch eine um vier bis sechs Monate kürzere Strategiephase, virtuelle Validierung, digitale Zwillinge und die frühe Einbindung von Zulieferern schon ab der Konzeptphase. Bis zu 80 Prozent der Fahrzeugtests vor Markteinführung laufen laut Studie inzwischen in virtuellen Umgebungen.

Das chinesische Modell beruht demnach auch auf einer anderen Technik-Kultur: weniger Varianten, weniger Perfektionismus an Nebenkriegsschauplätzen, mehr Standardisierung lautet das Motto aus Fernost. Komplexität wird radikal begrenzt, Produkte werden stärker für rund 80 Prozent des Marktes ausgelegt statt für jede Nische, und Zulieferer erhalten mehr Freiheit, eigene Lösungen zu liefern.

Qualität allein genügt nicht

Das ist keine gute Nachricht für die europäische Industrie: Wenn China nicht nur billiger, sondern strukturell schneller entwickelt, dann reicht die klassische europäische Selbstpositionierung als Qualitätsführer nicht mehr aus. Die Berater sehen zwar weiterhin in Europa Stärken bei Qualität, Zuverlässigkeit, Markenvertrauen und regulatorischer Kompetenz. Doch das ist nur noch ein Vorsprung auf Zeit. Viele aktuelle chinesische Modelle erfüllten lokale Erwartungen inzwischen genauso gut oder sogar besser – besonders bei jüngeren Käufern, für die Vernetzung und digitale Integration selbstverständlich sind.

Die Studie warnt ausdrücklich, dass chinesische Hersteller große Teile ihres Vorteils auch dann bewahren können, wenn sie Forschung, Entwicklung und Produktion nach Europa verlagern. Mehr als die Hälfte, in manchen Fällen bis zu 80 Prozent des Effizienzvorteils, könne in westlichen Märkten erhalten bleiben.  Doch darin steckt auch eine gute Nachricht für Europas Industrie: Wenn Chinas Vorteile nicht nur niedrige Löhne und geringe Standortkosten sind, lässt sich der Vorsprung grundsätzlich aufholen.

Neues Tempo gefragt

Diese Strategie verfolgt unter Europas Großen aktuell unter anderem Renault. In der neuen Konzernstrategie „futuREady“ erklärt der Konzern, künftig bei Innovation, Kosten und Geschwindigkeit mit chinesischen Herstellern konkurrieren zu wollen. Ein zentrales Ziel ist eine Entwicklungszeit von zwei Jahren für neue Fahrzeuge. Alle neuen Projekte sollen auf dieses Tempo ausgelegt werden.

Allerdings wollen die Franzosen auf keinen Fall überhastet arbeiten. Bei Qualität und Haltbarkeit gebe es bei all dem Zeitdruck keine Kompromisse, so Renault-Chef François Provost. Komplett neue Fahrzeuge auf neuer Plattform werde Renault deshalb nicht in 16 Monaten entwickeln, wie es manche chinesischen Hersteller vormachten. „Bei einer neuen Plattform und dem ersten Fahrzeug darauf sind 24 Monate für uns die Untergrenze, wenn wir die Qualität nicht gefährden wollen.“

Neue Entwicklungspartner

Wie die Beschleunigung gelingen soll, hat Provost klar vor Augen. Renault wolle Lieferanten deutlich früher einbinden, den Projektinhalt früher festlegen und sich stärker auf die Kompetenz von Partnern verlassen. Statt Tausende Seiten interner Standards vorzugeben, definiere man Design, Zieltechnologie und Kostenrahmen – und bitte den Zulieferer, eine passende Lösung zu liefern. Der Lieferant werde damit stärker zum Entwicklungspartner. Als Beleg, dass das gelingen kann, nennt Provost den künftigen elektrischen Twingo als Beispiel. Das Auto sei in rekordverdächtigen 21 Monaten entwickelt worden.

Ob daraus schon ein echter Durchbruch im Wettlauf mit den chinesischen Wettbewerbern wird, bleibt offen. Aber: Europas Hersteller beginnen zumindest zu akzeptieren, dass das Problem nicht allein der Preis ist, sondern tief in den eigenen Prozessen liegt. Und auch in den Köpfen. Die eigentliche Herausforderung sei „weniger technisch oder prozessual als menschlich“, so Provost. Wer 20 Jahre lang gelernt habe, jedes Detail selbst abzusichern, müsse nun akzeptieren, dass manche Spezifikation auf eine A4-Seite passe und der Zulieferer mehr Verantwortung trage.

Zu langsam zu sein, ist kein Schicksal. Vieles von dem, was chinesische Hersteller schnell macht, ist prinzipiell auf europäische Autobauer übertragbar. Nötig ist aber wohl ein tiefer Umbau – bei Produktlogik, Organisation, Lieferantensteuerung und Unternehmenskultur. Ohne dabei die Qualität aus dem Blick zu lassen. Ob das gelingt, dürfte mit darüber entscheiden, wer in Europas Autoindustrie künftig das Tempo vorgibt.  Holger Holzer/SP-X

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