Mit dem Cayenne Turbo Electric setzt Porsche Zeichen: Der Kraftprotz zeigt Leistungsdaten wie ein Supersportwagen.
Kaum zu glauben, aber der schnellste Serien-Porsche aller Zeiten ist ein SUV. Der neue Porsche Cayenne Turbo Electric zeigt sich mit einer Overboost-Leistung von 1.156 PS, einem maximalen Drehmoment von 1.500 Newtonmeter, dem Sprint von Null auf Tempo 100 in 2,5 Sekunden und in 7,4 Sekunden auf 200 Kilometern pro Stunde absolut auf Augenhöhe mit Supersportwagen.
Doch blicken wir zunächst zurück: 1,5 Millionen Cayenne sind seit seiner Premiere im Jahr 2002 gebaut worden. Hinter dem Anfang 2014 eingeführten Macan liegt der Cayenne auf Platz zwei der Verkaufsstatistik des Sportwagenherstellers. Anders als der Macan, der in Europa vorerst lediglich noch als Elektro-Variante zu haben ist, hat sich Porsche beim Cayenne auch in Zukunft für einen Antriebsdreiklang entschieden. Außer Benziner- und Plug-in-Hybrid-Versionen wird das generell über beide Achsen angetriebene SUV der Marke jetzt auch mit drei reinen Elektroantrieben angeboten. Dabei beeindruckt vor allem der Turbo mit einer geradezu phänomenalen Performance.

In der Einstiegsversion des Cayenne-Electric steht eine Overboost-Leistung von 325 kW (442 PS) zur Verfügung. Im Alltagsbetrieb sind es 300 kW (408 PS). Der Cayenne S bringt es auf eine Dauerleistung von 400 kW (544 PS) und kommt im Overboost auf 490 kW (666 PS).
630 kW stehen dauerhaft zur Verfügung
Der Elektro-Turbo setzt sich mit einer gigantischen Kraft mit deutlichem Abstand an die Spitze des Stromer-Trios. 630 kW (857 PS) stehen dauerhaft zur Verfügung. Zehn Sekunden lang können weitere 130 kW (176 PS) abgerufen werden. Und dann eben die 850 kW (1.156 PS) Overboost-Leistung mit der Launch Control. Damit werden die 2,7 Tonnen Leergewicht des 4,99 Meter langen, inklusive Außenspiegel 2,20 Meter breiten und 1,67 Meter hohen SUV geradezu spielerisch nach vorne katapultiert. Vor dem vehementen Druck aufs rechte Pedal sollten Beifahrer und Passagiere auf der Rückbank sicherheitshalber vorgewarnt werden. Denn liegt der Kopf nicht direkt an der Stütze an, wird er bei der Beschleunigungsorgie unweigerlich unsanft dagegen geschleudert.
Wesentlicher Bestandteil des Antriebssystems ist ein von Porsche entwickelter Elektromotor mit Öl-Direktkühlung an der Hinterachse, der im Turbo-Modell und leicht abgewandelt auch in der S-Version eingesetzt wird. Die Technologie stammt aus der Formel E und sorgt für hohe Dauerleistung auch bei wiederholter Volllast. In der Spitze kommt der Turbo laut Datenblatt auf 260 Kilometern pro Stunde. Der Basis-Cayenne Electric schafft Tempo 230, der S erreicht 250.

Hervorragendes Fahrwerk
Geschwindigkeiten dieser Art waren im hügeligen Hinterland von Barcelona natürlich nicht machbar. Doch die kurvenreichen Strecken waren ideales Terrain, um das Fahrwerk auf Herz und Nieren zu prüfen. Ausgestattet sind alle Cayenne Electric mit einer adaptiven Luftfederung und der elektronischen Dämpferregelung Porsche Active Suspension Management (PASM). Im gefahrenen Turbo waren zudem die optionale Hinterachslenkung und das auf Wunsch erstmals in einem Porsche SUV verfügbare Active Ride verbaut. Dabei sind alle vier aktiven Dämpfer des Fahrwerks pro Achse mit je einer Motor-Pumpen-Einheit verbunden. Die reagiert in Millisekunden auf den jeweiligen Untergrund. Stabilisatoren sind nicht mehr notwendig. Deren Aufgabe übernehmen die Motor-Pumpen.
Der Turbo ist generell mit dem Porsche Torque Vectoring Plus, der elektronisch geregelten Quersperre an der Hinterachse mit vollvariabler Verteilung der Antriebsmomente, ausgerüstet. Mit diesem umfassenden Fahrwerks-Paket ist die Spreizung zwischen Komfort und Sport extrem groß. Das gelassene Dahinrollen auf der keinesfalls glattflächigen Schnellstraße verleiht das Gefühl, in einer Luxuslimousine unterwegs zu sein. Geht es mit viel Dynamik auf die engen mit vielen Serpentinen bestückten Bergpassagen, demonstriert der Cayenne Electric seine sportlichen Qualitäten. Das SUV bleibt selbst bei wirklich schneller Fahrt exakt in der vorgegebenen Spur. Die direkte Lenkung gibt beste Rückmeldung. Die Karosserie bleibt auch beim Anbremsen oder Beschleunigen aus den Kurven komplett stabil, zeigt weder Wank- noch Nickbewegungen.

Dazu trägt natürlich auch der tiefe Schwerpunkt aufgrund der im Boden liegenden Batterie des E-Modells bei. Im Vergleich zum Verbrenner-Cayenne liegt der Stromer 83 Millimeter tiefer. Die Gewichtsverteilung ist, wie bei Porsches Allradmodellen üblich, mit 48 zu 52 Prozent hecklastig ausgelegt. Rädergrößen zwischen 20 und 22 Zoll stehen zur Wahl. Gebremst wird mit 10-Kolben-Alu-Monobloc-Festsattelbremsen und 420 Millimeter großen Scheiben vorn sowie 4-Kolben-Alu-Monobloc-Festsattelbremsen und 370 Millimeter Scheiben hinten. Auf Wunsch gibt es Keramik-Bremsen.
Cayenne Turbo Electric: 642 Kilometer Reichweite
Und damit kommen wir zum eigentlichen Herzstück des Porsche Cayenne Electric. Die neu entwickelte Hochvolt-Batterie mit einem Nettoenergiegehalt von 108 kWh ermöglicht laut Porsche WLTP-Reichweiten von bis zu 642 Kilometer. Das gilt natürlich nur für gute Wetterbedingungen mit deutlichen Plusgraden und einem zurückhaltenden rechten Fuß. Da der bei den ersten Testfahrten mit dem Cayenne Turbo eher ambitioniert eingesetzt wurde, lag der Verbrauch mit 29,1 kWh bei Temperaturen um 15 Grad auch deutlich über dem WLTP-Wert von 22,4 kWh.

Geladen werden kann der Akku aufgrund der 800-Volt-Technologie bei idealen Voraussetzungen mit bis zu 400 kW. Weniger als 16 Minuten soll es so dauern, um den Stromspeicher von zehn auf 80 Prozent zu füllen. In zehn Minuten können demnach bis zu 315 Kilometer Reichweite im Turbo, 325 in der Basis-Version, nachgeladen werden. An der Wallbox kann mit dem serienmäßig On-Board-Lader mit 11 kW, optional mit 212 kW geladen werden. Zudem kann der Cayenne Electric an entsprechenden Stationen induktiv Strom in die Batterie fließen lassen.
Induktives Laden möglich
Wie bei den Leistungswerten erreicht der Cayenne Electric auch hinsichtlich der Rekuperation neue Spähren. Bis zu 600 kW können über das Bremspedal zurückgewonnen werden. Das entspricht dem Wert des Porsche 99X Electric, der in der Formel E eingesetzt wird. Im Alltag erfolgen etwa 97 Prozent der Bremsvorgänge über die E-Maschinen ohne Aktivierung der Radbremsen erfolgen. Es kann sogar bis zum Stillstand rekuperiert werden. Über den Touchscreen lassen sich mit „Ein“, „Aus“ und „Automatik“ drei unterschiedliche Rekuperationsstufen einstellen.
Dieser zentrale Bildschirm ist ein absolutes Novum. Die Fläche des Screens ist vertikal gebogen und geht fließend in die Mittelkonsole über. Die Anzeige des sogenannten Flow Display mit hochauflösender OLED-Technologie lässt sich in zwei Bereiche aufteilen. Oberhalb der Biegung liegt das Anzeige-, darunter das Bedienfeld. Das 14,25 Zoll große Kombiinstrument ist volldigital und hat die von Porsche bekannte Optik mit drei Tuben. Wie beim Taycan liegen an den seitlichen Rändern des Kombiinstruments kleine Bedienfelder zur Steuerung der Licht-, Fahrwerk- und Parkfunktionen sowie des Porsche Electric Sport Sounds.
Das Navigation Plus-System inklusive Charging Planner bietet eine schnelle Routenberechnung sowie erweiterte Funktionen bei der Ladeplanung. Dazu zählt beispielsweise, dass bestimmt Ladeanbieter und Säulen bevorzugt oder gezielt gemieden werden können. Erstmals gibt es für den Cayenne ein Head-up-Display. Allerdings nicht in Serie, sondern als Option. Dass erst jetzt kommt, ist in dieser Fahrzeugkategorie nicht zu verstehen.

Nun gibt es auch ein Head-up-Display
Bei der Gestaltung des aufgrund des Radstands von 3,02 Metern überaus geräumigen Innenraums haben Cayenne-Kunden die Auswahl zwischen zwölf unterschiedlichen Interieur-Kombinationen und weiteren Paketen. Außerdem lässt sich der Stromer mit Flächenheizung ausrüsten. Dabei sind große Bereiche in den Türverkleidungen und der Mittelkonsole mit der serienmäßigen Sitzheizung kombiniert und sorgen für angenehme und vor allem auch zugfreie Erwärmung.
Hohen Komfort und zudem besten Seitenhalt bieten die vorderen Sitze. Der Platz am Steuer ist mit einer elektrischen Acht-Wege-Verstellung, Memory-Funktion und Heizung ausgestattet. Im gefahrenen Cayenne Turbo waren die adaptiven Sportsitze mit 18-Weg-Verstellung und einer noch konsequenteren Ausrichtung auf Seitenhalt verbaut.
Im Fond profitieren die Passagiere von einer neuen im Verhältnis 40:20:40 geteilten Sitzanlage. Sie ist serienmäßig elektrisch verstellbar. So lassen sich sowohl die Lehnenneigung verstellen als auch die Längsverstellung um bis zu 150 Millimeter anpassen. Das kann mehr Raum fürs Gepäck schaffen. Der Laderaum bietet ein Volumen von mindestens 553 Litern bis maximal 1.588 Liter, wenn die hinteren Lehnen vorgeklappt sind. Außerdem ist unter der vorderen Haube noch ein 90 Liter großer Frunk.
3,5 Tonnen Anhängelast
In Kombination mit dem Offroad-Paket mausert sich der Cayenne Electric außerdem zu einer kraftvollen Zugmaschine. Satte 3,5 Tonnen lassen sich an den Haken nehmen.
Apropos Offroad: Der Cayenne Electric lässt sich problemlos auch in schwerem Gelände bewegen. Das elektronisch gesteuerte Porsche Traction Management (ePTM), bereits in der Ausgabe 3 von „Porsche Fahrer“ sowie im Sonderheft „Porsche E-Performance“ ausführlich beschrieben, regelt etwa fünfmal schneller als ein konventionelles Allradsystem. Binnen fünf Millisekunden reagiert es bei Beschleunigungen, Antriebsmoment, Fahrgeschwindigkeit oder Antriebsschlupf und kann die Antriebsmomentenverteilung bedarfsgerechnet an die jeweilige Fahrsituation anpassen. Das modifizierte Bugunterteil des Offroad-Pakets erlaubt einen größeren vorderen Böschungswinkel von bis zu 25 Grad. Weitere Details sind verstärkte Seitenschweller mit Gleitkufen sowie horizontale Kühlluftklappen für zusätzliche Luftzufuhr sowie Seitenschweller und Radhausverbreiterung in Schwarz matt lackiert.

Optisch unterscheidet sich der Cayenne Electric deutlich von den Brüdern mit Verbrenner-Antrieben. Die Front mit den serienmäßigen LED-Matrix-Scheinwerfereinheiten ist weit nach unten gezogen, die Karosserie mit den muskulös herausgearbeiteten Radhäusern und der flach abfallenden Dachlinie wirkt abgerundeter. Rahmenlose Türen, Seitenschweller und Radlaufblenden fallen in der Seitenansicht auf. Und am Heck zieht ein schmales Leuchtenband mit dem beleuchteten Porsche-Schriftzug den Cayenne optisch in die Breite.
Der fast vollständig geschlossene Unterboden, Air Curtains, aktive Luftkühlklappen und ein adaptiver Dachspoiler sind wichtige Punkte für die Aerodynamik und tragen zu einem für SUV außergewöhnlich guten cW-Wert von 0,25 bei. Beim Turbo kommen zusätzlich noch aktive Aeroblades zum Einsatz. Sie schieben sich ab Tempo 40 automatisch aus den hinteren Radhäusern.
Der Blick auf die Preisliste zeigt, dass der Stromer im Vergleich zu den bisherigen Modellen der Cayenne-Baureihe ein durchaus attraktives Angebot ist. Für den Basis-Stromer werden 105.200 Euro, für den S 126.400 Euro aufgerufen. Der Turbo E-Hybrid mit 544 kW (739 PS) und einer Beschleunigung aus dem Stand auf Tempo 100 in 3,7 Sekunden steht mit 187.600 Euro in der Liste. Der Cayenne Turbo Electric hingegen kostet in der bereits umfangreich bestückten Grundausstattung 165.500 Euro. Außer der unglaublichen Performance setzt der bisher stärkste Serien-Porsche aller Zeiten auch in dieser Hinsicht ein Zeichen.


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