Lamborghini Miura

Lamborghini Miura: Wie ein Raubtier vor dem Sprung

Der Lamborghini Miura gilt als die Mutter aller Supersportwagen: Höchste Zeit also, den Stier zum 60. Geburtstag noch einmal aus dem Stall zu holen.

Manche Automobile spiegeln ihre Zeit, andere verändern sie. Der Lamborghini Miura gehört zur zweiten Kategorie. Als er im Frühjahr 1966 auf dem Genfer Salon debütierte, definierte er neu, wie ein Supersportwagen auszusehen, zu klingen und sich anzufühlen hatte. Kein Wunder, dass er bis heute unvergessen ist – obwohl keine 800 Exemplare gebaut wurden. Bei einer Ausfahrt zum 60. Geburtstag wirkt er deshalb nicht wie ein Veteran, sondern wie ein Besucher aus einer Zukunft, die sich die sechziger Jahre kaum vorstellen konnten.

Lamborghini Miura
Nichts ist überzeichnet, nichts dient bloßer Effekthascherei. Der Wagen besitzt eine Eleganz, die sich aus perfekten Proportionen speist. Fotos: Lamborghini

Als der Miura in Genf enthüllt wurde, blieb vielen Besuchern nur das Staunen. Während andere Sportwagen noch auf langen Motorhauben und klassischen Proportionen aufbauten, lag der Miura flach über dem Asphalt wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung. Mit kaum mehr als einem Meter Höhe schien die Karosserie nicht auf Rädern zu stehen, sondern über die Straße zu gleiten.

Bewegung in Blech gebogen

Marcello Gandini hatte für Bertone keine Karosserie entworfen, sondern Bewegung in Blech gebogen. Die Front ist niedrig und gespannt wie ein Bogen, die Scheinwerfer schauen unter ihren schwarzen Wimpern hervor und verleihen dem Miura einen beinahe lebendigen Ausdruck. Nichts ist überzeichnet, nichts dient bloßer Effekthascherei – der Wagen besitzt eine Eleganz, die sich aus perfekten Proportionen speist.

Seine eigentliche Sensation liegt verborgen: Direkt hinter den Sitzen arbeitet ein quer eingebauter Zwölfzylinder. Für Rennwagen war diese Bauweise bekannt, für ein Straßenfahrzeug war sie ein kühner Schritt. Sie verlieh dem Miura nicht nur außergewöhnliche Schnelligkeit, sondern auch eine völlig neue Balance.

Lamborghini Miura
Doch seine eigentliche Sensation liegt verborgen. Direkt hinter den Sitzen arbeitet ein quer eingebauter Zwölfzylinder.

Mit anfangs 350 PS gehörte der Miura zu den stärksten Serienfahrzeugen seiner Zeit. Als SV erreichte er später sogar 385 PS und schaffte damals unerreichte 300 km/h – während Porsche-911-Fahrer noch mit 130 PS und 210 km/h vorliebnehmen mussten. Dafür zahlten die Kunden auch einen hohen Preis: 75.500 Mark verlangte Lamborghini in Deutschland, so viel wie Porsche für dreieinhalb Elfer. Doch seine Bedeutung lässt sich nicht in Daten messen. Zahlen beeindrucken für einen Moment, Emotionen bleiben über Generationen.

Leidenschaft hat mit Leiden zu tun

Der Miura will nicht bewundert werden. Er will gefahren werden. Schon der Einstieg erfordert zirkusreife Gymnastik: Die Sitze sind so zierlich wie Kindergartenstühle, während der im Dach verankerte Gurt fast strangulierend wirkt. Wer größer ist als 1,70 Meter, muss die Beine breit machen wie ein Frosch, um am spindeldürren Lenkrad vorbeizukommen – und wer Schuhgröße 36 überschreitet, bleibt beim Kuppeln bisweilen unter dem Armaturenbrett hängen. Leidenschaft hat beim Miura wirklich etwas mit Leiden zu tun.

Dann erwacht der Motor: kein hektisches, geschniegeltes Anspringen wie bei modernen Triebwerken, sondern ein feines Zittern, gefolgt von tiefem Grollen. Mit jedem Gasstoß verändert sich der Klang – aus dumpfem Donnern wird metallisches Singen, aus Singen ein helles Kreischen, das die Kabine erfüllt. Die Hitze des Aggregats dringt in den Innenraum, Benzin und Öl mischen sich zu jenem Duft alter Hochleistungsmaschinen, den keine Klimaanlage ersetzen kann.

Lamborghini Miura
Als SV leistete der V12 später sogar 385 PS und schaffte der Miura damit damals unerreichte 300 km/h.

Das metallische Singen wird immer heller

Die schwere Kupplung verlangt Kraft, der Schalthebel Entschlossenheit. Erst wenn der Fahrer beherzt handelt, setzt sich der Wagen in Bewegung – zunächst überraschend geschmeidig. Doch der Eindruck hält nur kurz: Der Zwölfzylinder wartet nur darauf, Drehzahl zu bekommen. Mit jeder Umdrehung gewinnt der Klang an Schärfe, der Horizont beginnt, auf den Fahrer zuzufliegen. Die Beschleunigung fühlt sich roh, unmittelbar und körperlich an – der Miura reißt den Fahrer aus seinem bisherigen Zeitempfinden.

In diesem Moment beginnt man zu verstehen, warum dieses Auto zur Legende wurde. Die Lenkung ist schwer, aber präzise, das Getriebe verlangt Nachdruck und arbeitet mit erstaunlicher mechanischer Ehrlichkeit. Mit steigender Drehzahl verändert sich der Charakter des Wagens: Bis 3.000 Touren klingt der Motor kraftvoll und gelassen, danach entwickelt der Ansaugtrakt ein scharfes Fauchen, das metallische Singen wird immer heller.

Lamborghini Miura
Wer größer ist als 1,70 Meter, der macht die Beine breit wie ein Frosch, weil sie sonst nicht um das riesengroße, spindeldürre Lenkrad passen.

Die offene Schaltkulisse ist dabei mehr als ein stilistisches Detail – sie ist das mechanische Herzstück des Fahrerlebnisses. Jeder Gangwechsel verlangt einen entschlossenen Griff, der Schalthebel rastet mit einem satten „Klack“ ein, das die perfekte Zusammenarbeit von Mensch und Maschine akustisch bestätigt.

Tempo wird körperlich erfahrbar

Der Miura macht Tempo körperlich erfahrbar. Windgeräusche, Motor, Getriebe und Fahrwerk verschmelzen zu einem Klangbild, das jede Fahrt zum Erlebnis macht. Hinzu kommt die Hitze: Nach längerer Fahrt wird das Cockpit warm, beinahe heiß – und statt zu schwitzen und zu schimpfen, genießt man den Glutofen wie den Aufguss in einer Sauna.

Am Ende einer anspruchsvollen Strecke steigt niemand entspannt aus diesem Lamborghini. Die Hände erinnern sich noch an das große Lenkrad, in den Ohren klingt das metallische Crescendo des V12 nach. Diese Eindrücke haben den Mythos des Miura geschaffen. Er war nicht einfach schneller als andere Sportwagen seiner Zeit – er machte Geschwindigkeit zu einem Gefühl. Für dieses Erlebnis zahlen Sammler heute bereitwillig siebenstellige Summen. Und dafür, den womöglich ersten Supersportwagen der Welt zu besitzen. Benjamin Bessinger/SP-X

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