Geht es nach Plänen der EU-Kommission, sollen schon bald neue E-Autos verpflichtend mit Bidi-Technik ausgestattet sein. Foto: SP-X

E-Autos werden zu Netzhelfern

Die EU-Kommission will schneller elektrifizieren. E-Autos müssen deshalb bidirektionales Laden beherrschen.

Mit einem Mitte Juli erstmals vorgestellten Electrification Action Plan will die EU-Kommission die Elektrifizierung und damit Dekarbonisierung von Verkehr, Industrie und Gebäuden deutlich beschleunigen. Bis 2040 soll Strom 46 Prozent des Endenergieverbrauchs in der EU decken. Nach Berechnungen der Kommission könnten dadurch die jährlichen Importe fossiler Energieträger um rund 260 Milliarden Euro sinken. Nach Einschätzung der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) ist der Aktionsplan ein deutliches Signal, dass die Elektrifizierung künftig zum zentralen Instrument der europäischen Energie- und Klimapolitik werden soll.

Speziell für den Verkehrssektor kündigt die Kommission eine Reihe weitreichender Maßnahmen an. Im Mittelpunkt steht die stärkere Einbindung von Elektrofahrzeugen in das Stromnetz. Künftig sollen sie nicht nur Strom laden, sondern ihn bei Bedarf auch wieder ins Netz zurückspeisen können. Dazu will Brüssel sogenannte Smart-and-Bidirectional-Charging-Funktionen über die Typgenehmigung schrittweise für neue Elektrofahrzeuge vorschreiben. Begleitet werden die Maßnahmen von neuen Netzregeln, regulatorischen Testräumen für Vehicle-to-Grid-Anwendungen (V2G) sowie einem beschleunigten Ausbau intelligenter Stromzähler.

Richtige Richtung

Nach Einschätzung von T&E geht die Kommission damit in die richtige Richtung. Allerdings fehle bislang eine Verpflichtung zu bidirektionalen Onboard-Ladegeräten. Ohne diese müssten Fahrzeughalter auf deutlich teurere bidirektionale Wallboxen zurückgreifen, was den breiten Einsatz von V2G erschweren könnte.

Auch der Strommarkt soll stärker auf die Elektrifizierung ausgerichtet werden. Netzbetreiber sollen neben dem Ausbau neuer Leitungen verstärkt Batteriespeicher, Digitalisierung und flexible Verbraucher einbeziehen. Haushalte sollen finanziell davon profitieren, wenn sie Elektroautos oder Wärmepumpen bevorzugt in Zeiten günstiger Strompreise nutzen. Gleichzeitig will die EU den Rollout intelligenter Stromzähler beschleunigen. Die Mitgliedstaaten sollen bis 2031 mindestens 50 Prozent und bis 2034 mindestens 65 Prozent der Haushalte mit Smart Metern ausstatten. Außerdem soll Strom steuerlich gegenüber fossilen Energieträgern attraktiver werden.

Weitere Maßnahmen betreffen den Fahrzeugmarkt. Geplant sind neue steuerliche und andere Kaufanreize für emissionsfreie Fahrzeuge, eine Überarbeitung der Richtlinie über saubere Fahrzeuge sowie der AFIR-Verordnung zum Ausbau der Ladeinfrastruktur. Unternehmensflotten, die rund 60 Prozent aller Neuwagenkäufe in Europa ausmachen, sollen dabei den Aufbau eines größeren Gebrauchtwagenmarktes für Elektroautos unterstützen.

Auch für den Nutzfahrzeugverkehr sieht der Aktionsplan zusätzliche Impulse vor. So soll der Ausbau öffentlicher Lkw-Ladeparks durch neue Finanzierungsinstrumente erleichtert werden. Bis 2040 sollen ausreichende Netzanschlüsse für öffentliche Ladeparks und Betriebshöfe entstehen, damit die Stromnetze eine bis dahin erwartete Elektrifizierung von rund 40 Prozent der europäischen Lkw-Flotte bewältigen können. Darüber hinaus greift der Plan die Elektrifizierung von Schifffahrt und Luftfahrt auf. Vorgesehen sind unter anderem ein beschleunigter Ausbau der Landstromversorgung in Häfen sowie Pilotprogramme für elektrisches Fliegen.

T&E bewertet den Aktionsplan insgesamt als ambitioniert. Gleichzeitig sieht die Organisation Nachbesserungsbedarf. So fehlten unter anderem verbindlichere Vorgaben für Unternehmensflotten, klare Fristen zum Abbau fossiler Subventionen sowie zusätzliche technische Anforderungen, um bidirektionales Laden schneller in den Massenmarkt zu bringen. Mario Hommen/SP-X

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