Mit gleich vier SUV will die chinesische Marke Chery 2027 in Deutschland durchstarten. Bei den Antrieben setzen die Chinesen auf Voll- und Plug-in-Hybride.
Ein gutes Dutzend chinesische Automarken sind in Deutschland aktiv. Manche kennt man, entweder dank langer Präsenz wie MG Motor oder hoher Verkaufszahlen. Andere haben auf den Straßen noch Exotenstatus. Erstaunlich aber ist, dass ausgerechnet eine der größten chinesischen Automarken noch fehlt. Die 1997 gegründete Chery Group wächst nach eigenen Angaben jährlich um 70 Prozent und verkaufte 2025 weltweit gut 2,8 Millionen Fahrzeuge. Mehr als 1,3 Millionen außerhalb des Heimatmarkts, wo die Marke seit 23 Jahren die Exportstatistik der Pkw-Hersteller anführt.
Ganz unbekannt ist Chery auch in der internationalen Autoindustrie nicht: Schon Fiat bezog Motoren von dem Hersteller in Wuhu. Inzwischen lizenziert der koreanische Hersteller KGM Chery-Plattformtechnik und selbst Jaguar Land Rover setzt bei künftigen Freelander-Elektroautos auf eine Architektur des chinesischen Konzerns. Antriebe und Plattformen stammen aus dem weltweiten Netz von acht Entwicklungszentren. Eines davon steht in Raunheim in der Nähe des Frankfurter Flughafens.
Hierzulande ist der Konzern bereits mit den Marken Omoda und Jaecoo vertreten. Nun folgt die Kernmarke. Im Frühjahr 2027 soll der Verkauf in Deutschland starten, mit vier Vertretern der Tiggo-Familie. Es sind jedoch keine neuen Modelle. Abgesehen vom 2023 aufgelegten Flaggschiff Tiggo 9 sind sie bereits einige Jahre in anderen Märkten erhältlich. Chery positioniert sie als Familienautos für den Volumenmarkt und setzt auf Platz, Sicherheit und möglichst viel Technik fürs Geld. Das Portfolio reicht vom 4,32 Meter langen Stadt-SUV bis zum 4,81 Meter großen Siebensitzer mit 428 PS.
Chery mit Omoda und Jaecoo vertreten
Parallel baut Chery die Vertriebsorganisation auf, ähnlich wie bei Jaecoo und Omoda. Deren Logos finden sich meist bei großen, lokal erfolgreichen Mehrmarkenhändlern. Deutschland kommt dabei bewusst spät: Der Konzern hat seine Kernmarke bereits in anderen europäischen Ländern eingeführt, darunter Polen, Großbritannien und Spanien und dort Erfahrungen für den schwierigen deutschen Markt gesammelt. Zum Start sollen 30 Betriebe bereitstehen, bis Ende 2027 mindestens 100 Händler die wichtigsten Großräume abdecken. Damit setzt der Newcomer von Anfang an auf das klassische Autohaus mit Verkauf und Service statt auf Direktvertrieb oder reine Online-Strukturen.
Auch bei der Infrastruktur will Chery möglichst wenig Start-up-Charakter zeigen. Gemeinsam mit Kühne+Nagel baut man ein deutsches Ersatzteillager auf, Santander übernimmt die Händler- und Kundenfinanzierung. Als Kaufanreiz lockt Chery mit sieben Jahren Garantie und mindestens drei Jahren kostenlosem Service. Bei Import, Ersatzteilversorgung und im Reparaturservice kann Chery zudem auf vorhandene Strukturen von Omoda und Jaecoo zurückgreifen. Man will also nichts anbrennen lassen, denn gerade bei jungen Marken sind Restwerte, Teileversorgung und Werkstattnetz ein Knackpunkt.
Sieben Jahre Garantie und drei Jahre kostenlosen Service
Den Einstieg bildet der Tiggo 4, ein kleiner SUV im Format von VW Taigo und Hyundai Kona. In den anderen Ländern kombiniert der Hybridantrieb einen 95 PS starken Benziner mit einem 204 PS starken Elektromotor. Für den schnellen deutschen Autobahnverkehr erschien der 1,5 Liter große Vierzylinder aber etwas untermotorisiert, weshalb er zum Marktstart mit einem Turbo aufgepeppt wird. Damit steigt die Systemleistung von 120 kW/163 PS auf 165 kW/224 PS. Angepeilt wird ein Preis zwischen 22.000 und 25.000 Euro.
Eine Klasse darüber, im hart umkämpften Kompaktsegment um VW Tiguan, Kia Sportage oder Peugeot 3008, tritt der 4,55 Meter lange Tiggo 7 an. Für rund 30.000 Euro soll er mit dem gleichen Hybridantrieb angeboten werden wie der Tiggo 4. Um die 4.000 Euro mehr soll der Plug-in-Hybrid mit 279 PS Systemleistung und rund 90 Kilometer elektrischer Reichweite kosten. Schnellladen ist mit bis zu 40 kW möglich.
Der gleiche Plug-in-Antrieb findet sich auch im Tiggo 8. Auf 4,73 Metern Länge bietet er sieben Sitzplätze. Damit wird der knapp unter 40.000 Euro teure SUV zum großen Familien- und Reiseauto im Format eines Skoda Kodiaq.
Der Tiggo 9 schafft 144 Kilometer elektrisch
Das obere Ende markiert der Tiggo 9. Mit 4,81 Metern Länge und bis zu sieben Sitzen bewegt er sich in der Größenordnung großer Familien-SUV wie Kia Sorento oder Peugeot 5008. Der Plug-in-Hybrid ist zugleich das technische Aushängeschild der Baureihe. Der 1,5-Liter-Turbobenziner arbeitet hier mit drei Elektromotoren zusammen und ermöglicht so Allradantrieb. Üppige 315 kW/428 PS und 580 Nm Drehmoment stehen zur Verfügung, und auch bei der Batterie greift die Marke in die Vollen. 34,5 kWh Kapazität sollen dem schweren SUV nach WLTP 144 Kilometer elektrische Reichweite ermöglichen. Von null auf 100 km/h geht es in 5,4 Sekunden. Der Kofferraum bietet je nach Sitzkonfiguration zwischen 143 und 2.065 Litern Ladevolumen.
Schon die Basismodelle fahren mit umfangreicher Komfort- und Sicherheitsausstattung vor, darunter je nach Modell bis zu zwei Dutzend Assistenten. Wie zuverlässig die elektronischen Helfer, Sprachsteuerung und Infotainment im Alltag funktionieren, müssen allerdings erst ausführlichere Tests zeigen.
Auffällig ist vor allem, was zum Deutschlandstart fehlt: ein reines Elektroauto. Den Tiggo 3 als ersten Stromer einer ganzen neuen E-Modellfamilie zeigen die Chinesen erst im Herbst auf der Pariser Autoshow. Vor Ende 2027 soll er aber nicht auf den Markt kommen. Ausgerechnet jetzt, wo E-Autos in Europa endlich gefragt sind, setzen die Chinesen voll auf Hybrid. Ob das die richtige Taktik ist, wird sich zeigen. Hanno Boblenz/SP-X/Titelfoto: Chery/Harald Dawo


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