Wer wenig Geld für flüssigen Kraftstoff ausgeben wollte, wählte früher blind Diesel. Diese Zeiten sind vorbei.
Lange Jahre galt der Diesel als Standard-Empfehlung für alle, die an der Zapfsäule sparen wollten. Spätestens, seit der Liter des Kraftstoffs deutlich teurer ist als Benzin, trägt diese Regel nicht mehr. Wer unbedingt einen Verbrenner will, muss genau rechnen. Nicht nur in der aktuellen Marktkrise.
Dass der Diesel lange Zeit in Deutschland billiger war als Super, hat mit seiner steuerlichen Begünstigung zu tun. Die gibt es immer noch: Auf 1.000 Liter entfallen 470,40 Euro Energiesteuer, bei Benzin sind es 654,50 Euro. Trotzdem hat sich das Verhältnis an der Zapfsäule zuletzt sogar umgedreht. Der ADAC meldete Mitte März im bundesweiten Morgenmittel 2,324 Euro je Liter Diesel und 2,147 Euro für Super E10. Denn der fiskalische Bonus wird mittlerweile von anderen Effekten aufgefressen; zum einem vom neuen CO2-Preis, vor allem aber durch die angespannte Verfügbarkeit durch die Folgen des Iran-Krieges.
Konkurrenz mit Heizöl
Diesel reagiert besonders empfindlich auf die aktuellen Spannungen im Öl- und Raffineriemarkt. Als Mitteldestillat konkurriert der Kraftstoff mit Heizöl und Kerosin um knappe Raffineriekapazitäten – vor allem dann, wenn Lagerbestände niedrig sind oder Raffinerien ausfallen. Die produzierbare Menge an Mitteldestillaten lässt sich zudem nur langsam und sehr begrenzt anpassen, da ihr Anteil an der gesamten Kraftstoffproduktion technisch bedingt ist. Aus 42 Gallonen Rohöl entstehen jeweils rund 19 bis 20 Gallonen Benzin, aber nur 11 bis 13 Gallonen Mitteldestillate.
Der schwindende Preisvorteil von Diesel ist aber eine langfristige Entwicklung, die spätestens im Frühjahr 2022 erstmals an der Preistafel sichtbar war. Seitdem ist der Dieselpreis zwar in Relation zum Benzinpreis wieder etwas gefallen, die klassische Vorstellung, dass Diesel an der Zapfsäule deutlich billiger ist, ist seitdem jedoch mindestens brüchig. Für Autokäufer heißt das: Auf den Literpreis allein sollte heute niemand mehr schauen. Entscheidend ist der Vollkostenvergleich.
Teuer schon vorher
Der ADAC rechnet diesen regelmäßig vor: ermittelt dabei über fünf Jahre unter anderem Wertverlust, Kraftstoff, Versicherung, Steuer, Wartung, Verschleiß und Reifenkosten – alles für Jahresfahrleistungen von 15.000 Kilometern. Schon vor der kriegsbedingten Krise war der Diesel selbst für Vielfahrer nicht automatisch die bessere Wahl als der Benziner, aber in einigen Fällen immer noch spürbar günstiger.
Durch die aktuelle Preissituation hat sich die Bilanz auf der Diesel-Seite noch einmal deutlich verschlechtert. Aktualisiert man die Berechnung auf Basis der ADAC-Werte, können einige Benziner wie der Audi A3 ihren schon vorher existierenden Vorsprung weiter vergrößern – die Variante mit Ottomotor lässt sich mit 62,7 Cent pro Kilometer bewegen, der Diesel kostet 65,9 Cent. Beim Renault Kangoo kippt ein bis vor kurzem fast ausgeglichenes Verhältnis sogar leicht zugunsten des Benziners (59,7 zu 60,6 Cent).
Es gibt Ausnahmen
Es gibt aber trotzdem Modelle, bei denen der Diesel trotz des aktuellen Preisnachteils sinnvoll sein kann. Etwa beim Skoda Octavia – wo er mit 58,6 Cent den vergleichbaren Benziner mit 64,3 Cent relativ deutlich schlägt. Ähnliches gilt beim Mercedes GLA. Der Grund: Dort ist der Kostenvorsprung des Diesels in der Ausgangsrechnung so groß, dass ihn der aktuelle Spritpreisnachteil nicht vollständig aufzehrt.
Wer beim Autokauf auf die Gesamtkostenbilanz schauen will, darf also nicht allen die Kraftstoffpreise in den Blick nehmen. Modell, Verbrauch, Anschaffungspreis und Restwert spielen ebenso eine Rolle. Und auch die eigenen Fahrgewohnheiten: Echte Vielfahrer mit deutlich mehr als 15.000 Kilometern pro Jahr können den Verbrauchsvorteil des Selbstzünders besser nutzen als die durchschnittlichen Pkw-Halter. Das gilt auch, wenn die Dieselpreise wieder dauerhaft unter die von Benzin sinken sollten. Zudem lohnt sich in vielen Fällen, den Blick auf das E-Auto zu erweitern. Aktuell zumindest sind die Energiepreise für den Stromer-Betrieb deutlich attraktiver als der Kauf von Flüssigkraftstoff. Auch der Preisabstand zu den Verbrennern ist zuletzt spürbar geschrumpft.
Ja schon, wenn…
Ein Diesel kann sich noch lohnen, aber meist nur bei hoher Jahresfahrleistung, viel Langstrecke und einem Fahrzeug, bei dem der Gesamtkostenvorteil des Diesels unabhängig von Energiepreisen besonders stark ist. Bei knappen Entscheidungen ist der frühere Diesel-Vorteil aktuell oft verschwunden. Für viele Privatnutzer mit normalen Fahrleistungen ist der Benziner inzwischen die bessere Wahl, weil er bei Anschaffung und Gesamtkosten häufig weniger Risiko birgt. Holger Holzer/SP-X


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