Die Stückzahlen sind noch gering. Aber im Hintergrund arbeiten Chinas Lkw-Bauer an der Eroberung des EU-Markts.
Auf dem europäischen Markt für Elektro-Lkw formiert sich neue Konkurrenz aus China. Hersteller wie BYD, Sany und Super Panther verkaufen bislang nur geringe Stückzahlen, bereiten nach Einschätzung der Unternehmensberatung Berylls by AlixPartners aber einen breiteren Markteintritt vor. Sie passen ihre Fahrzeuge an europäische Einsatzbedingungen an, bauen lokale Produktionsstrukturen auf und suchen Partner für Service, Ladetechnik und Flottenmanagement.
In Deutschland sind nach Angaben der Studie inzwischen rund zehn Prozent der neu zugelassenen Lkw batterieelektrisch, wobei die Fahrzeuge bislang überwiegend von europäischen Herstellern stammen. Bei schweren Sattelzugmaschinen liegt der Elektroanteil deutlich niedriger, steigt aber kontinuierlich.
Mit dem Mercedes-Benz eActros oder dem MAN eTGX sind bereits einzelne Lkw-Modelle etablierter westlicher Hersteller auf dem Markt vertreten. Noch gibt es allerdings Lücken im Angebot, insbesondere bei Fahrzeugen, die sowohl beim Kaufpreis als auch bei den gesamten Betriebskosten mit Diesel-Lkw konkurrieren können. Vor allem letzteres ist bei Lkw ein wichtiger Faktor: Anders als beim Pkw spielt die maximale Reichweite nicht in jedem Einsatz die entscheidende Rolle. Viele Nutzfahrzeuge fahren feste oder gut planbare Strecken und können im Depot oder an gezielt eingerichteten Stationen geladen werden.
Dumpingangebote
Die chinesischen Hersteller haben der Studie zufolge die Situation erkannt und versuchen vor allem über niedrigere Preise Fuß zu fassen. Berylls schätzt, dass ihre elektrischen Lkw teilweise nur 50 bis 60 Prozent vergleichbarer europäischer Modelle kosten. Auf dem Papier erreichten einige Fahrzeuge ähnliche Leistungsdaten wie die Modelle der etablierten Marken. Noch offen ist allerdings, ob sie diese Vorteile auch im dauerhaften Flotteneinsatz bestätigen können. Entscheidend sind dort neben Verbrauch und Zuverlässigkeit vor allem Reparaturzeiten, Fahrzeugverfügbarkeit und Restwerte.
Die chinesischen Anbieter beschränken sich bereits heute nicht mehr auf den Export aus der Heimat. BYD baut in Ungarn Produktionskapazitäten für jährlich 1.250 elektrische Lkw und Busse auf. Super Panther lässt Fahrzeuge im früheren MAN-Werk im österreichischen Steyr montieren und will nach eigenen Planungen bis 2030 bis zu 16.000 Lkw in Europa verkaufen. Foton wiederum arbeitet bei leichten Nutzfahrzeugen mit Piaggio in Italien zusammen.
Zölle umgehen
Solche Kooperationen erleichtern den Zugang zu europäischen Zulieferern, verkürzen Lieferwege und verringern die Belastung durch mögliche Zölle. Auch beim Service schließen chinesische Marken erste Lücken. Sany und Super Panther haben sich dem Alltrucks-Netz angeschlossen und erhalten dadurch Zugang zu mehr als 700 Werkstattstandorten in Europa sowie zu einer Pannenhilfe rund um die Uhr
Einen Vorteil besitzen die europäischen Hersteller bislang unter anderem bei den Angeboten rund um das Fahrzeug. Dazu zählen Ladeinfrastruktur, Energiemanagement, Flottensteuerung und vorausschauende Wartung. Zudem können sie mit europäischer Datenspeicherung und klareren Regeln zur Datenhoheit werben. Chinesische Unternehmen versuchen, diesen Rückstand durch Kooperationen mit europäischen Dienstleistern zu verkürzen. BYD arbeitet beispielsweise mit dem Telematikanbieter Geotab zusammen und lässt Fahrzeugdaten auf deutschen Servern speichern.
Aktuell sind chinesische Elektro-Lkw in Europa noch keine ernsthafte Konkurrenz bei den Stückzahlen, so die Berater. Ihr Markteintritt sei aber weiter fortgeschritten als die geringen Zulassungszahlen vermuten ließen. Ob daraus ein nachhaltiger Erfolg wird, hängt vor allem davon ab, ob niedrige Kaufpreise auch langfristig zu geringeren Betriebskosten führen. Auch Zuverlässigkeit, Servicequalität und Wiederverkaufswerte müssten die neuen Anbieter im europäischen Flottenalltag erst noch belegen. Holger Holzer/SP-X


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