Die chinesische Marke MG bringt im MG 4 Urban als einer der ersten eine Halb-Festkörper-Batterie auf den Markt. Foto: MG

Kampf um die Festkörperbatterie

Die Autoindustrie wetteifert um die Festkörperbatterie. Die chinesische Marke MG bringt sie als eine der ersten auf den Markt.

Festkörper- oder Halb-Festkörperbatterie hört sich extrem technisch an. Doch damit gewinnt der E-Autofahrer vor allem eins: Sicherheit. In aktuellen Hochvoltbatterie wird flüssiger Elektrolyt eingesetzt, damit sich das Lithiumsalz auflöst und die Lithium-Ionen frei von einer Elektrode zur anderen kommen. Ohne diese Bewegung wären Lade- und Entladevorgänge nicht möglich. Die chemische Flüssigkeit hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie kann brennen. Wird eine Batteriezelle beschädigt, überhitzt oder kurzgeschlossen, kann sich der Elektrolyt entzünden und so eine Kettenreaktion auslösen. Es überrascht also nicht, dass Forscher die Flüssigkeit in der Batterie durch feste Materialien ersetzen möchten.

Serienreife dauert noch

„Bis zu einer serienreifen Festkörperbatterie dauert es vermutlich noch bis 2030“, sagt Dr. Li Zheng, der bei MG in China an neuer Batterietechnik forscht. Die ehemals britische Marke gehört seit 2007 zum Autohersteller SAIC aus Shanghai. Zheng und seinen Kollegen ist ein entscheidender Zwischenschritt gelungen. Bis Ende des Jahres werden sie ihr Modell MG 4 Urban mit einer Halb-Festkörperbatterie (Semi Solid State) ausstatten. Damit es sich nicht ganz so technisch klingt, nennt der Hersteller die Brückentechnologie SolidCore.

Zu 95 Prozent besteht der Elektrolyt aus einem festen Material und nur zu fünf Prozent aus einer Flüssigkeit. Auch die Struktur der Kathode haben die Forscher so verändert, dass sich die Ionen in drei Dimensionen bewegen können. In Eisenphosphat-Batterien (LFP) gibt es nur eine, in klassischen Lithium-Ionen-Batterien (NCM) zwei Dimensionen, in denen Ionen einen Platz zum Andocken finden. Das Ergebnis ist ein schnellerer Energietransport beim Laden und Entladen. Die Batterie kann auch bei niedrigem Ladezustand noch die volle Leistung an den E-Motor abgeben. In umgekehrter Richtung bedeutet es, Ladepausen werden kürzer. Insbesondere bei niedrigen Temperaturen bis zu -30 Grad weist die SolidCore-Batterie eine bessere Leistungsfähigkeit auf.

Energiedichte steigt

Gleichzeitig steigt mit der Konstruktionsweise die Energiedichte. Batterien speichern auf gleichem Bauraum mehr Energie. MG nennt keine genauen Werte, doch dürften sie zwischen 200 und 300 Wh pro kg Batterie liegen. Bei der Festkörperbatterie geht man von bis zu 400 Wh pro kg aus. Damit rücken Reichweiten von über 1.000 km mit einer Batterieladung in greifbare Nähe. Als ob die aufgeführten Vorteile nicht ausreichen würden, ist die Festkörperbatterie auch noch leichter. MG präsentiert am ein Modell seiner Festkörperbatterie mit den Maßen 1,30 m lang, 1,17 m breit und 11 cm hoch. Die Kapazität liegt bei 100 kWh bei einem Gewicht von 296 kg. Zum Vergleich: Der neue Opel Astra Sports Tourer hat eine 58 kWh im Boden und die wiegt 345 kg.

Ab dem vierten Quartal 2026 will MG die SolidCore-Batterie im MG 4 Urban anbieten. Das E-Auto kommt schon früher auf den Markt und nutzt wahlweise ein 43 oder 54 kW fassende LFP-Batterie. Preise stehen für das 4,40 m lange E-Auto noch nicht fest. Da hilft ein Blick zu unseren österreichischen Nachbarn. Dort kann man das Auto bereits bestellen. Abzüglich der staatlichen Förderungen in Höhe von 5.000 Euro kostet der MG 4 Urban dort 19.990 Euro. Das gilt für die Einstiegsvariante mit der kleineren Batterie. Die SolidCore-Technik dürfte mit einem entsprechenden Preisaufschlag kommen.

Bewusst umgedreht

Die Entscheidung einen derartigen Fortschritt in einem Kompaktauto anzubieten, überrascht. Normalerweise bringt die Autoindustrie Innovation zuerst in der Oberklasse. „Wir haben das bewusst umgedreht“, sagt Zheng. Die Herausforderung der industriellen Fertigung von Halb-Festkörper-Zellen liegt in einer gleichbleibenden Qualität. Um das zu perfektionieren, will MG große Stückzahlen produzieren und benötigt ein Auto, dass entsprechend viele Kunden findet. Im vergangenen Jahr verkauft der Mutterkonzern SAIC weltweit 4,5 Millionen Fahrzeuge.

MG macht es seinen Kunden allerdings mit der Modellbezeichnung nicht leicht. Die 4 gibt es gleich drei Mal. In Deutschland kommt gerade eine überarbeitete Version des 4,30 m langen MG 4 EV auf den Markt. In China wird der Hersteller bei der kommenden Autoshow in Peking einen SUV mit dem Modellnamen MG 4X vorstellen. Das 4,50 m lange E-Auto bewegt sich ebenfalls im Kompaktsegment. Ob es nach Deutschland kommen wird, steht noch nicht fest. Der 4X und der MG 4 Urban basieren auf der E3-Plattform von MG. Der klassische MG 4 EV nutzt die MSP-Plattform. Warum der Hersteller für eine besser Unterscheidbarkeit nicht eine oder zwei weitere Ziffern nutzt, bleibt unklar.

Derzeit besteht das Fahrzeugangebot von MG in Deutschland aus dem MG 4 EV. In Größe, Ausstattung und Reichweite folgen die SUV MG S5 und MG S6.  Eine Besonderheit ist der elektrische Cyberster, ein zweisitziger Roadster. Zum 100. Geburtstag der Marke machte sich das Unternehmen damit ein Geschenk. Er knüpfte an die Ursprünge der britischen Marke an. Die Morris Garage (MG) war in den 1920er in London vor allem für Sportwagen bekannt. Seit dem Marktstart in Deutschland hat MG rund 92.000 Fahrzeuge verkauft. Das Unternehmen will im Laufe des Jahres die 100.000 Marke erreichen. Im vergangenen Jahr waren von den 26.500 verkauften Fahrzeugen 8.951 E-Autos.  Dirk Kunde/SP-X

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