Mercedes stellt mit dem neuen GLC einen Alleskönner auf. Das elektrische Mittelklasse-SUV glänzt mit einer Vielzahl an Disziplinen.
Als vor rund zehn Jahren Mercedes seine Elektrostrategie EQ bekanntgab, hatten sich die Produktstrategen den Einstieg in die Welt der E-Mobilität sicher leichter vorgestellt. Doch er begann holprig, die EQ-Modelle, ob Limousinen oder SUVs, fanden bei den Käufern wenig Gefallen, was hauptsächlich am Design und den hohen Preisen lag. Der Absatz blieb weit unter den Erwartungen zurück. Besonders im weltgrößten Elektroautomarkt China mussten die Stuttgarter arge Rückschläge verkraften. Die dortige, vorwiegend jüngere Kundschaft setzt vermehrt auf heimische Produkte wie BYD, Nio, XPeng oder Xiaomi.

Nun wollen die Stuttgarter neu durchstarten. Entwickelt wurden zwei komplett neue 800-Volt-Elektro-Architekturen, MMA und MB.EA. Beide sollen in Sachen Leistung und Effizienz zum Besten gehören, was die Branche momentan zu bieten hat. Während MMA die Kompaktklasse bedient, ist die MB.EA für die Mittel- bis Luxusklasse gedacht. Auf Basis der MMA-Plattform hat Mercedes im vorigen Jahr bereits den elektrischen CLA vorgestellt, der besonders bei Komfort, Reichweite und Verbrauch neue Maßstäbe setzt und diverse Auszeichnungen erhielt.
Große Erwartungen
Nicht minder große Erwartungen setzen die Mercedes-Marketing-Manager in den neuen GLC, der erste Stromer auf MB.EA-Basis. Das Mittelklasse-SUV deckt das sogenannte Core-Segment der Marke ab. Hier ist man zu Hause, hier verkauft man die größten Volumina. Dies zeigt schon der heutige GLC. Design, Größe, Komfort, Antriebsoptionen, das gesamte Paket ist stimmig. So wundert es wenig, dass dieses Modell seit fünf Jahren der Bestseller im Portfolio von Mercedes ist.

Der neue elektrische GLC (intern X 540 genannt) soll hier nahtlos anknüpfen. Das Auto ist so überzeugend konzipiert und durchdacht, dass selbst letzten E-Mobilitäts-Zweiflern die Argumente ausgehen dürften. Ein ablehnender Kaufgrund könnte für manchen allenfalls die neue Designsprache sein, die sich hauptsächlich im Retro-Look des Kühlers offenbart. Er gilt als Hommage an die Mercedes Kühlergitter der 70er-Jahre und wurde mittels aufwändiger Lichtinszenierung in die Neuzeit transferiert. Motto: zurück in die Zukunft.
Superhirn hinterm Hyperscreen
Dort befindet sich bereits der (aufpreispflichtige) MBUX-Hyperscreen, der sich, als größter Bildschirm in einem Mercedes überhaupt, quer über die gesamte Schalttafel spannt. So hypermodern das Ganze ausschaut, so lässt es sich auch bedienen. Dahinter steckt das KI-gesteuerte und von Mercedes selbst entwickelte Superhirn MB.OS. Die grafischen Darstellungen sind brillant, die Reaktionen superschnell, die Menüführung nahezu intuitiv und die Vielfältigkeit schlicht unglaublich. Die komplette Displaybreite kann sogar ein knisterndes Lagerfeuer oder ein Ozean-Aquarium inklusive kreuzender Haie darstellen, gedacht für ein wenig geistige Entspannung an der Ladesäule.

Großes Erstaunen ruft immer wieder die nahezu natürliche Konversation mit dem KI-Assistenten hervor, egal, ob es um Navigation, Restaurantempfehlungen, Fragen zu touristischen Punkten oder um ganz einfache Bedienbefehle geht. „Hey, Mercedes, mir ist kalt.“ Und schon kommt die freundliche Stimme: „Ich erhöhe die Temperatur um zwei Grad.“ Sagt man dann noch „Danke“, folgt ein freundliches „Aber gerne doch“.
Der elektrische GLC ist mit 4,89 Metern ein wenig größer als der konventionell motorisierte, was sich nicht nur beim Raumgefühl bemerkbar macht. Hinten sitzt man fast wie in der Business-Class. Auch was die sonstigen Transportfähigkeiten angeht, dürfte der GLC zu den Segment-Besten gehören. In den Kofferraum passen 570 Liter. Werden die Rücksitzlehnen umgeklappt, erweitert dies den Laderaum auf bis zu 1.740 Liter.
128 Liter-Frunk
Zusätzlich fanden die Entwickler noch Platz unter der Fronthaube. Das in der Szene „Frunk“ genannte Ablagefach schluckt 128 Liter, genug für einen Handkoffer, oder – wie in den meisten Fällen – fürs Ladekabel. Damit nicht genug, der elektrische GLC darf sogar 2,4 Tonnen an den Haken nehmen. Das entspricht immerhin einem Trailer mit zwei ausgewachsenen Pferden.

Zum Marktstart schickt Mercedes seinen neuen Stromer zunächst in der vorläufigen Topversion (es wird noch eine AMG-Variante geben) GLC 400 4Matic zu Preisen ab 67.717 Euro ins Rennen. Geliefert werden üppige 360 kW/489 PS und 800 Newtonmeter an Drehmoment, eine Kombination, die höchste Souveränität in allen Verkehrssituationen garantiert. Das zeigte auch unsere erste Testfahrt. Die Geschmeidigkeit des Antriebs ist fantastisch. Ebenso überzeugen Abrollkomfort, Geräuschniveau, Federung und Lenkung. Mercedes liefert hier eine hochprofessionelle Arbeit ab.
305 km in 10 Minuten
Eher durchschnittlich dagegen sind die Verbrauchswerte. Auf den versprochenen WLTP-Wert von 15,8 kWh/100 km (sehr niedrig für ein großes SUV) sind wir nicht gekommen. Die portugiesischen Gebirgsstraßen, wo Mercedes seinen GLC vorstellte, verlangten ihren Tribut: Auf dem Display standen 23,1 kWh/100 km. Damit sind natürlich auch die 673 Kilometer Reichweite Makulatur, der Alltags-Aktionsradius des Stromer-SUV dürfte sich eher zwischen 400 und 550 Kilometern bewegen – immer noch ein akzeptabler Wert. Zumal die Fahrt nach etwa 22 Minuten fortgesetzt werden kann. Dann ist am DC-Lader der 94-kWh-Akku wieder zu 80 Prozent gefüllt. Nur zehn Minuten an der Säule sollen 305 „frische“ Kilometer in den Akku befördern. Ausgelegt hat Mercedes den Hochvolt-Speicher zudem fürs bi-direktionale Laden, V2H und V2G sind also möglich und sollen später über OTA (over the air) ins Fahrzeug kommen.

Großgeschrieben werden bei Mercedes auch die Themen Ressourcen-Schonung und Nachhaltigkeit. Dem elektrischen GLC bescheinigt das Unternehmen, einen 40 Prozent geringeren CO2-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus zu haben, verglichen mit der heutigen Verbrennerversion. Zudem werden mehr und mehr Recyklate verbaut. Und es ist das erste Mal, dass ein Autohersteller einen zertifizierten veganen Innenraum anbietet.
Fünf Antriebsoptionen
Wem der GLC 400 4Matic zu teuer oder zu leistungsstark ist, muss noch etwas warten. Insgesamt wird es fünf Antriebsoptionen geben, darunter als vorläufiges Einstiegsmodell der GLC 250 mit Heckantrieb und der GLC 300 4Matic. Den 300er soll später ebenfalls mit Heckantrieb zu kaufen sein. Unterhalb des 250er soll ein GLC 200 geplant sein. Offiziell bestätigt ist dies noch nicht, doch Mercedes benötigt ein attraktiv gepreistes Basismodell, das auf dem Niveau eines entsprechenden Verbrenner-Pendants, der übrigens parallel weitergebaut wird, liegt. Produktmanager Marijan Celig umschreibt das so: „Wir wollen den Kunden preislich dort abholen, wo er auch heute zu Hause ist.“ Michael Specht/SP-X
Mercedes GLC 400 mit EQ-Technology – Technische Daten:
Fünftüriges, fünfsitziges SUV der gehobenen Mittelklasse; Länge: 4,89 Meter, Breite: 1,91 Meter (mit Außenspiegeln: 2,09 Meter), Höhe: 1,64 Meter, Radstand: 2,97 Meter, Kofferraumvolumen: 570-1.740 Liter, Frunk 128 Liter.
Zwei E-Motoren mit zusammen 360 kW/489 PS, Drehmoment: 800 Nm, Allradantrieb, 0-100 km/h: 4,3 s, Vmax: 210 km/h, Verbrauch: 15,8 kWh/100 km, Akkugröße: 94 kWh, Reichweite: 673 km (WLTP), Ladeleistung: 330 kW (DC), 11 kW (AC), Ladedauer: DC: 10-80 % in 22 Minuten, AC: 0-100 % in 10:30 Std. Preis: ab 67.717 Euro
Kurzcharakteristik:
Warum: weil er alle Argumente für einen Verbrenner komplett entkräftet
Warum nicht: weil man mit der Retro-Front in einem zukunftsfähigen E-Auto nicht zurechtkommt.
Was sonst: BMW iX3, Volvo EX60, Audi Q6 e-tron, Porsche Macan
Wann kommt er: Frühjahr 2026


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