Donut-Akku Verge

Verge TS: Ist der Donut-Akku der große Durchbruch?

Ist der Akku von Donut Labs der große Durchbruch oder nur ein weiterer Fake? Experten reagieren eher skeptisch.

Es klingt alles zu schön, um wahr zu sein: Das kleine finnische Unternehmen Donut Lab will eine Feststoffbatterie für E-Fahrzeuge entwickelt haben, die fast alle Schwächen der aktuellen Technik beheben würde (auch wir berichteten). Billig, sicher und extrem leistungsfähig soll der Superakku sein – und vor allem bereits serienreif. Experten reagieren skeptisch bis misstrauisch. Ein paar ungewöhnliche Umstände könnten aber nach Meinung einiger Beobachter für einen groß angelegten Schwindel sprechen.

Vorsicht ist beim Thema Akku-Technik in jedem Fall angebracht. „Wunderbatterien“ sind ein wiederkehrendes Phänomen in der Elektromobilität: In schöner Regelmäßigkeit melden Start-ups, Forschungsgruppen oder Zulieferer einen Durchbruch, der zugleich mehr Reichweite, schnelleres Laden, höhere Sicherheit, längere Lebensdauer und am besten auch noch niedrigere Kosten verspricht. Häufig ist das nur heiße Luft, befeuert von aufmerksamkeitsheischenden Messeauftritten, anstehenden Finanzierungsrunden oder ausstehenden Fördergeld-Anträgen.

Ob auch die Donut-Batterie zu diesen Luftschlössern zählt, ist bislang unklar. Klar ist auf jeden Fall: Kein Thema beschäftigt die Batterie-Gemeinde aktuell so stark wie die Feststoffbatterie des finnischen Unternehmens, die Anfang des Jahres auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas überraschend angekündigt worden war. Und die bereits kurz vor dem Serieneinsatz stehen soll – zunächst in E-Motorrädern der Marke Verge, grundsätzlich aber offenbar auch für Elektroautos jeglicher Couleur geeignet sein soll. Und das ist es, was den Donut-Fall so besonders macht: Wer nur Fördergelder abgreifen oder Investoren anlocken will, spricht von Labor- oder Vorserientechnik und stellt sich üblicherweise erst in ferner Zukunft einer Überprüfung. Die Donut-Batterie jedoch soll noch in diesem, spätestens im kommenden Jahr auf der Straße sein. Spätestens dann ist klar, ob die E-Mobilität vor einer echten Revolution steht. Oder nur ein weiteres Unternehmen vor der Pleite.

Steht hier nur ein Unternehmen vor der Pleite?

Donut-Akku Verge
Die TS bietet Verge künftig mit Feststoffbatterie an, die rund 600 Kilometer Reichweite erlauben soll. Fotos: Verge

Die Eigenschaften des Energiespeichers zumindest lesen sich wie eine Wunschliste der Branche und aller E-Mobilisten: geringes Gewicht, rasante Ladezeiten, extreme Lebensdauer, kaum Bedarf an seltenen oder teuren Rohstoffen und höchste Sicherheit. Und das alles zu einem niedrigen Preis. Schon einer der Punkte allein wäre für eine neue Batterie hochinteressant. Alle zusammen würden tatsächlich nicht nur eine technologische, sondern auch eine ökonomische und vielleicht sogar geopolitische Sensation bedeuten – könnte die europäische Technik doch die starke Abhängigkeit von China und seinen Rohstoffen und Produktionstechnologien bei E-Autobatterien zumindest mildern.

Das Problem: Bislang gibt es kaum Daten. Und die wenigen existierenden Zahlen stammen vom Hersteller und sind nicht überprüfbar. Beispielsweise reklamiert Donut Lab für seine Batterie eine gravimetrische Energiedichte von 400 Wattstunden pro Kilogramm. Heutige kommerzielle Lithium-Ionen-Zellen kommen auf rund 300 Wattstunden – allerdings auf Zellebene. Das zusätzliche Gewicht von Gehäuse, Kühlung, Verkabelung ist da noch nicht mit einberechnet. Mehr Energiedichte bedeutet im Alltag bei gleicher Reichweite ein leichteres, effizienteres Fahrzeug oder bei gleichem Batteriegewicht mehr Reichweite.

Hinzu kommt laut Donut außerordentlich schnelles Laden – 100 Prozent Füllstand sollen nach etwa 10 Minuten erreicht sein. Wenn die behaupteten Ladezeiten unter realistischen Bedingungen reproduzierbar sind – also ohne Zugeständnisse bei der Zellhaltbarkeit oder spezielle Anforderungen an die Ladeinfrastruktur – wäre eine der größten Hürden der Elektromobilität gefallen. Wenige Minuten für eine „Vollladung“ ist deutlich näher am Verbrenner-Tanken als alles, was heute üblich ist.

Eine extrem hohe Zahl an Ladezyklen

Die für Experten vielleicht verblüffendste Zahl: Donut Lab nennt eine Lebensdauer von bis zu 100.000 Ladezyklen. Hier stutzen viele Fachleute besonders, denn der Wert liegt um den Faktor 100 über den heute üblichen. Selbst wenn die Finnen einen „Zyklus“ großzügig definieren, etwa Teilzyklen statt kompletter Vollladezyklen, oder sehr spezielle Nutzungsbedingungen ansetzen, bleibt die Größenordnung extrem. Die weiteren genannten Eigenschaften sind ebenfalls nicht zu verachten: hohe Sicherheit durch einen nicht brennbaren Fest-Elektrolyt, Betrieb über ein extremes Temperaturfenster und kaum Kapazitätsverlust in der Kälte. Außerdem sollen die Feststoff-Akkus natürlich billiger sein als heutige Lithium-Ionen-Zellen.

Alles auf einmal also in einer Branche, die sonst immer mit Zielkonflikten leben muss. Schnellladen stresst Elektroden und Grenzflächen, hohe Energiedichte erhöht die Anforderungen an Sicherheit und Thermomanagement, lange Lebensdauer verlangt konservative Betriebsfenster, günstige Materialien bedeuten häufig Abstriche bei der Leistung. Der Donut-Akku wäre demnach so etwas wie der viel zitierte „Heilige Gral“ der Batterieforschung.

Die Menge an positiven Eigenschaften wirkt einerseits unrealistisch, spricht aber auch irgendwie gegen einen Täuschungsversuch. Wer würde schon derart unglaubwürdig übertreiben? Aber Frechheit siegt – heißt es eben auch. Zu den prominentesten Zweiflern zählt Yang Honqxin, Chef des weltweit zehntgrößten Batterieherstellers Svolt, der nicht an die Existenz einer derartigen Batterie glaubt und gegenüber chinesischen Fachmedien von Täuschung spricht.

Die kritischen Stimmen sind in der Mehrzahl

Auch auf der Online-Plattform Reddit, wo sich die Debatte in Fach- und Bastlerforen überschlägt, überwiegt die Vorsicht. In einer Stichprobe waren die Skeptiker mit 70 bis 80 Prozent klar in der Mehrzahl. 10 bis 20 Prozent sind vorsichtig optimistisch. Komplett überzeugt von der Existenz solch einer Wunderbatterie ist nur eine kleine Gruppe. Allerdings: Als „physikalisch unmöglich“ gilt die Batterie den meisten nicht, eher als „praktisch (noch) unwahrscheinlich“. Es werde kein Naturgesetz gebrochen – aber ohne Daten bleibt vieles vage.

Zu den vielen ungewöhnlichen Punkten im Fall der Donut-Batterie zählt die kurze Timeline. Wenn Verge tatsächlich in wenigen Monaten Motorräder mit dem neuen Speicher ausliefert, dann steht die Behauptung bald im Realitäts-Check. Die Donut-Batterie könnte sich dann als ein echter Fortschritt herausstellen, ob in einer Nische wie bei Hochleistungssportwagen oder Motorräder – oder auch im Volumen-Pkw. Sie könnte aber auch eine typische „Wunderbatterie“-Erzählung sein, bei der Superlativen aus günstigen Messbedingungen, unvollständigen Definitionen und Marketingblasen zusammengesetzt werden. Holger Holzer/SP-X

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