Studie: Ohne Fördermaßnahmen droht bei Mehrfamilienhäusern eine dauerhafte Ladelücke für Millionen Mieterinnen und Mieter.
Laut einer im Auftrag von Transport & Environment (T&E) Deutschland erstellten Fraunhofer-Studie könnten auch nach 2030 rund 5,6 Millionen Stellplätze in Mehrfamilienhäusern ohne Vorbereitung für Ladepunkte bleiben, wenn die Politik keine zusätzlichen Förderimpulse setzt. Die Bundesregierung konzentriert sich bislang vor allem auf Einfamilienhäuser und öffentliche Ladeinfrastruktur, während viele Haushalte in Bestands-Mietwohnungen beim privaten Laden außen vor bleiben.
Besonders kritisch: Die Novelle der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) muss bis spätestens Mai 2026 in deutsches Recht umgesetzt werden, setzt aber für Wohngebäude im Bestand nur sehr begrenzte Vorgaben. Da die Sanierungsrate bei Wohngebäuden bei etwa einem Prozent pro Jahr liegt, würden die meisten Tiefgaragen- und Hofstellplätze auf absehbare Zeit rechtlich nicht zum Nachrüsten verpflichtet.
Die EPBD zielt vor allem auf Neubauten und größere Sanierungen ab. Für Bestandswohngebäude ohne umfassende Renovierung sieht sie keine verbindlichen Vorgaben zur Ladevorbereitung vor. Nach Einschätzung von T&E droht Deutschland, diese Mindestanforderungen lediglich „eins zu eins“ zu übernehmen und damit Millionen Stellplätze im Bestand dauerhaft ohne Ladeoption zu lassen.
Weil der überwiegende Teil der Mieterinnen und Mieter in Mehrfamilienhäusern lebt, würde eine solche Umsetzung soziale Schieflagen verstärken: Wer keine Lademöglichkeit am Stellplatz hat, tut sich deutlich schwerer mit dem Umstieg auf ein Elektroauto und ist stärker auf teurere öffentliche Ladeangebote angewiesen.
Was ein Förderprogramm leisten könnte
Fraunhofer ISI hat verschiedene Förderansätze für Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern untersucht, Einfamilienhäuser mit bereits früher geförderten Wallbox-Programmen aber bewusst ausgeklammert. Ergebnis: Mit einem Förderbudget von rund 500 Millionen Euro – etwa einem Sechstel des Volumens der neuen E‑Auto-Förderung – könnten zwischen 300.000 und drei Millionen Stellplätze für das Laden vorbereitet werden, je nach Ausgestaltung der Programme.
Als besonders wirksam gelten zinsgünstige oder zinsfreie Kredite mit Tilgungszuschuss. Sie hebeln mit relativ geringen öffentlichen Mitteln umfangreiche private Investitionen und eignen sich deshalb vor allem für größere Wohnungsunternehmen. Reine Zuschussprogramme wären zwar einfacher zu handhaben und für Wohnungseigentümergemeinschaften attraktiv, erreichten aber weniger Stellplätze pro eingesetztem Steuergeld.
Die Studienautorinnen warnen ausdrücklich vor pauschalen Förderinstrumenten wie früheren Wallbox-Zuschüssen, weil dort hohe Mitnahmeeffekte drohen. Stattdessen empfehlen sie Programme, die auf Mehrfamilienhäuser zugeschnitten sind und soziale Kriterien berücksichtigen – etwa Einkommensgrenzen oder besondere Konditionen für Quartiere mit niedrigeren Durchschnittseinkommen.
T&E argumentiert, dass ein gerechter Hochlauf der Elektromobilität nur gelingt, wenn Mieterinnen und Mieter gleichberechtigten Zugang zu Ladeinfrastruktur erhalten. Ohne private Lademöglichkeit zu Hause seien vor allem Haushalte mit mittleren und geringeren Einkommen beim Umstieg benachteiligt, weil sie auf öffentliche, oftmals teurere Ladeangebote angewiesen sind.
Forderungen an die Bundesregierung
Auf Basis der Studie fordert T&E von der Bundesregierung, die Umsetzung der EPBD deutlich ambitionierter zu gestalten. Konkret schlagen die Experten vor, im Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG) verbindliche Ausbauziele für Bestandswohngebäude zu verankern.
Bis 2030 sollten mindestens 30 Prozent der Stellplätze in Mehrfamilienhäusern für Ladeinfrastruktur vorbereitet sein – inklusive Netzanschluss, Verteiltechnik und Vorverkabelung der Stellplätze. Dadurch ließen sich später Wallboxen einfacher nachrüsten. Bis 2035 könnten die Ziele dann an die CO₂-Flottengrenzwerte im Fahrzeugbereich angelehnt werden.
Nach Ansicht von T&E sollte Deutschland die EU-Richtlinie nicht nur als Mindeststandard verstehen, sondern als Untergrenze: Wer beim Hochlauf der Elektromobilität und beim Schutz der eigenen Autoindustrie eine Vorreiterrolle beansprucht, müsse gerade im Bereich Laden zu Hause ambitioniertere Vorgaben setzen als der europäische Durchschnitt. Titelfoto: Honda


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