Arbeitgeber orientieren sich bei Dienstwagen und Firmenflotten um. Für Millionen Nutzer verändert sich der mobile Alltag grundlegend.
Ralf Brunner fährt seit zwölf Jahren Dienstwagen. Alle drei Jahre ist bisher die Verlängerungsrunde angestanden, „immer gab es ein neues Modell, immer einen Verbrenner“, sagt der Handelsvertreter. Er heißt übrigens anders; denn vor dem diesjährigen Gespräch mit dem Arbeitgeber möchte er lieber nicht in den Medien auftauchen. „Mein Arbeitgeber bietet mir nur einen gebrauchten Elektro-Kombi an.“ Der Volkswagen hat 40.000 Kilometer auf der Uhr, dazu gibt´s einen Zuschuss für eine Wallbox in Brunners Garage. Aber Ralf zögert. Er fragt sich, ob die Batterie noch taugt. Ob er weit genug kommt. Ob das überhaupt ein vollwertiger Firmenwagen ist.
Solche Fragen wie Brunner werden sich bald immer mehr Dienstwagen-Berechtigte oder Fahrer von Flotten-Autos stellen. Und das nicht nur hierzulande. Das Arval Fuhrpark- und Mobilitätsbarometer 2026 einer Tochtergesellschaft der Großbank BNP Paribas zeichnet nämlich nach Gesprächen mit mehr als 10.000 Flotten-Verantwortlichen aus 33 Ländern ein klares Bild: Die Unternehmensflotte wird gebrauchter, elektrischer und flexibler. Ralfs Situation ist kein Ausnahmefall. Sie ist die neue Normalität.
Haltedauer und Gebrauchtwagen
Fast die Hälfte der deutschen Unternehmen haben ohnehin schon Gebrauchtwagen in ihre Flotte integriert, weitere 39 Prozent planen dies. Gleichzeitig steigt die Haltedauer: Pkw verbleiben laut der Studie inzwischen im Schnitt 5,5 Jahre beim Unternehmen – ein Jahr länger als die frühere goldene Regel. Bei leichten Nutzfahrzeugen gilt dasselbe. Das bedeutet für Dienstwagenfahrerinnen und -fahrer: Die Chancen auf ein fabrikneues Auto beim nächsten Wechsel sinken, und immer öfter wird der Antrieb elektrisch sein. Die gegenwärtige Spritpreis-Entwicklung und neue Subventionen für Stromer dürften den Trend rasant beschleunigen.
Wer ein Fahrzeug mit Vorgeschichte übernimmt, stellt sich berechtigterweise die Batteriefrage. Katharina Schmidt, Head of Consulting, Energy Transition beim Arval Mobility Observatory und Mitglied der Geschäftsleitung, räumt damit auf: „Die Angst vor dem Reichweitenverlust bei gebrauchten E-Autos ist unbegründet. Unsere Daten belegen: Die Batteriekapazität lag nach rund 70.000 Kilometern bei etwa 93 Prozent.“
Gebrauchte E-Autos könnten damit „eine Schlüsselrolle spielen, um die Transformation der Unternehmensflotten schneller und wirtschaftlicher voranzubringen“. Wer also einen gebrauchten Elektrowagen mit 50.000 oder 60.000 Kilometern übernimmt, fährt in aller Regel vollwertig – und spart dem Arbeitgeber Geld, das der andernorts investieren kann.
Weniger Verbrenner
Bei Dienstwagenfahrern ist Elektromobilität ohnehin längst kein Nischenthema mehr. Bei 70 Prozent der deutschen Unternehmen kommen elektrische Antriebe in ihren Flotten bereits aktiv zum Einsatz – das sind 13 Prozentpunkte mehr als im europäischen Durchschnitt. Bis Ende des Jahrzehnts planen die Flottenverantwortlichen, jedes dritte ihrer Firmen-Pkw rein elektrisch fahren zu lassen. Weitere 18 Prozent sollen Plug-in-Hybride sein; der Kilometerfresser unter den Angestellten braucht schließlich auch in der Pampa schnell Reichweite bis zum nächsten Kunden. Der Anteil reiner Benziner und Diesel sinkt bis dahin auf 38 Prozent.
Wer heute noch einen Verbrenner fährt, sollte sich also auf den Wechsel vorbereiten. Denn auch die Rahmenbedingungen verschärfen sich: 30 Prozent der befragten Unternehmen nennen die Ausweitung von Umweltzonen als konkreten Treiber ihrer Elektrifizierungsstrategie für ihre Fuhrparks – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Größtes Alltagsproblem für Dienstwagenfahrende bleibt aber das Laden. Zwei Drittel der deutschen Firmen beklagen fehlende Ladelösungen, vor allem für das Zuhause der Mitarbeitenden.
Wallbox vom Chef
An knausrigen Chefs liegt das nicht: 88 Prozent der Arbeitgeber sind laut der Studie bereit, Heimladestationen finanziell zu fördern. Wer ein Elektrofahrzeug als Dienstwagen erhält und bislang keine Wallbox daheim hat, sollte also das Gespräch mit der Personalabteilung aktiv suchen. Die Förderbereitschaft ist meist vorhanden; sie wird nur nicht immer von sich aus angeboten.
Und übrigens: Es muss nicht immer ein Auto aus der Firmenflotte sein. Fast alle befragten Chefs bieten ihren Beschäftigten mindestens eine Mobilitätslösung an. Deutschland ist damit europäischer Spitzenreiter, besonders beim Fahrradleasing: Jede fünfte Firma bietet ein Dienstrad – mehr als doppelt so viele wie in Belgien, dem nächsten Land in der Rangliste. Und statt des Kleintransporters hält oftmals auch das Lastenrad Einzug: In der Hälfte aller Firmen ist die Anschaffung in den nächsten drei Jahren geplant, 17 Prozent setzen die Lastenräder schon ein.
Warum immer ein Auto?
Wer also als Dienstfahrzeug bisher kein Auto bekommen konnte, könnte bald mal über eine steuergünstige Lohnerhöhung in Form von Fahrradleasing, Ridesharing-Karte oder ein flexibles Mobilitätsbudget für Deutschlandticket, Bahncard und Co. verhandeln. Laut der Studie sind viele Personaler dafür sehr aufgeschlossen – auch, um als Unternehmen nachhaltiger zu werden oder Talente an sich zu binden.
Wer diese Veränderungen und ihre Hintergründe kennt, kann sie aktiv nutzen: bessere Verhandlungsposition beim Fahrzeugwechsel, mehr Geld durch Mobilitätsbudgets, Unterstützung beim Aufbau der privaten Energiewende, so sieht das neue Angebot aus. Sparen unter Strom, das ist keine schlechte Verhandlungsbasis. Peter Weißenberg/SP-X


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