Mit Tempo und mit weit sichtbaren Infos an den schicken Displaysäulen kann man bei Electra in Frankreich laden. Foto: SP/X, Mario Hommen

Test: Elektrisch durch Frankreich

Urlaub mit dem E-Auto: 4.000 Kilometer durch Frankreich verliefen entspannt – und günstig.
Für viele deutsche E-Autofahrer gilt der große Sommerurlaub noch immer als kleine Expedition. Ladestopps kosten Zeit, das Ladenetz im Ausland wirkt vielerorts weniger vertraut als zu Hause und irgendwo im Hinterkopf schwingt dann doch noch die vergessen geglaubte Reichweitenangst mit. Hinzu kommen praktische Fragen: Reicht eine einzige App? Brauche ich zusätzlich eine Ladekarte? Und wird das Laden im Ausland womöglich teuer, kompliziert oder gar unmöglich?

Wir haben den Praxistest gewagt und sind mit einem Kia EV5 für zwei Wochen nach Frankreich gefahren. Am Ende standen rund 4.000 Kilometer auf dem Tacho.

Zusätzliche Apps

In Deutschland müssen E-Autofahrer ihre Komfortzone eigentlich kaum noch verlassen. Wer beispielsweise die Mobility+-App nutzt, kann an den zahlreichen EnBW-Schnellladern vergleichsweise günstig Strom laden. Dank Roaming funktioniert das auch an vielen Säulen anderer Betreiber, wenn auch meist zu höheren Preisen. Sinnvoll ist außerdem eine Registrierung bei Discountern wie Lidl. Wer dort einkaufen geht, kann das Laden nebenbei und häufig zu attraktiven Konditionen erledigen.

Für den Alltag genügt diese Ausstattung in der Regel völlig. Für eine Urlaubsreise nach Frankreich, zumal diese über die Niederlande und Belgien führt, erschienen uns die vorhandenen Optionen jedoch als unzureichend. Deshalb installierten wir zusätzlich die App des französischen Anbieters Electra. Dieser gehört zur ChargeLeague, einem Zusammenschluss aus Electra, Fastned, Atlante und Ionity. Der Vorteil: Über die App eines dieser Anbieter lassen sich sämtliche Ladepunkte der vier Netzwerke anzeigen und Ladevorgänge starten. Wer lange Autobahnetappen mit kurzen Schnellladestopps plant, erhält somit Zugriff auf ein dichtes Netz leistungsfähiger Ladeparks. Was wir dagegen unterschätzt hatten, war der Verzicht auf eine physische Ladekarte.

Nur mit Ladekarte…

Schon der erste Ladestopp im Ausland zeigte die Schattenseite. An einer Circle-K-Station nahe dem belgischen Ort Spy auf einem Rastplatz der A15 ließ sich der Ladevorgang weder über die Electra-App noch per Kreditkarte starten. In der Electra-App war stattdessen der Hinweis zu lesen: „Nur mit Ladekarte bezahlen.“ Mit 77 Cent pro Kilowattstunde wäre das ohnehin kein Schnäppchen gewesen. Aus der Not heraus entschieden wir uns für eine Aktivierung über die Mobility+-App. Allerdings stieg der Preis dadurch auf 84 Cent pro Kilowattstunde. Da wir an diesem Tag noch mehrere hundert Kilometer vor uns hatten, blieb keine Zeit zum Experimentieren. Unsere Hoffnung: Das bleibt die Ausnahme.

An der Autobahn in Frankreich haben wir auch einen schicken Ladepark von Fastned besucht. Hier war es voll und der Strompreis deutlich höher als bei Electra. Foto: SP/X, Mario Hommen
An der Autobahn in Frankreich haben wir auch einen schicken Ladepark von Fastned besucht. Hier war es voll und der Strompreis deutlich höher als bei Electra.
Fotos: SP/X, Mario Hommen

Für die nächste Etappe gingen wir deshalb strukturierter vor. Das Tagesziel in der Normandie wurde in den Routenplaner der Electra-App eingegeben, der eine entsprechende Strategie von Ladestopps festlegt. Zusätzlich hinterlegt man Fahrzeugmodell, aktuellen Batteriestand und den gewünschten Ladezustand am Ziel. Den Rest erledigt die Navigation, die über Google Maps basiert und sich via Android Auto bequem auf dem großen Zentraldisplay anzeigen lässt.

Wartezeiten

Etwa alle 200 Kilometer lotste uns die App zu Schnellladern entlang der Autobahn. Dreimal hintereinander mussten wir allerdings einige Minuten warten, da sämtliche Ladepunkte bereits belegt waren. Der erste Stopp führte zu einer großzügigen Fastned-Station, anschließend folgten zwei Ionity-Ladeparks. In allen Fällen kostete die Kilowattstunde 49 Cent und der Ladevorgang ließ sich problemlos über die Electra-App starten.

Das eigentliche Problem war die geringe Zahl an Ladepunkten. Drei oder fünf Säulen reichen in der Hauptreisezeit oft nicht aus. Angesichts des E-Auto-Booms und der vielen elektrisierten Urlauber aus den Niederlanden und Skandinavien kommt es inzwischen durchaus zu Wartezeiten. Deutsche E-Autofahrer begegneten uns dagegen vergleichsweise selten.

Neue Strategie

Auch abseits der Autobahnen und in ländlichen Gegenden verfügt Frankreich mittlerweile über eine erfreulich gut ausgebaute Ladeinfrastruktur. Doch erneut erwies sich die fehlende Ladekarte als Nachteil. Immerhin weist die App von vornherein darauf hin, dass für viele Ladepunkte eine Karte benötigt wird. Von diesen gibt es viele. Wir haben uns kurzerhand entschieden, nur noch Electra-Ladeparks anzusteuern, die garantiert funktionieren. Im Umkreis von rund 50 Kilometern fanden wir fast immer eine passende Station. Gelegentlich bedeutete das zwar einen kleinen Umweg, finanziell zahlte sich diese Strategie jedoch deutlich aus.

Wir hatten den im ersten Monat kostenlosen Vielfahrertarif „Electra+ Smart” aktiviert. Damit sank der Preis an den meisten Electra-Ladeparks in Frankreich auf lediglich 29 Cent pro Kilowattstunde. In der Routenplanung lässt sich zudem die Option „Electra bevorzugt” auswählen, sodass diese Stationen bevorzugt angesteuert werden. Das funktionierte in allen Fällen. Zusätzlich aktivierten wir Plug & Charge. Seitdem genügte es, das Ladekabel einzustecken. Der Ladevorgang startete automatisch und ließ sich anschließend bequem per App beenden.

Blockiergebühr inklusive

Zwar muss man dafür in der Regel die Autobahn verlassen, landet aber meist in Gewerbegebieten, in deren unmittelbarer Nähe sich Supermärkte oder Gastronomiebetriebe befinden. Ein Einkauf von 20 bis 30 Minuten genügte fast immer, um die Zeit zu überbrücken, bis der Akku wieder zu mindestens 80 Prozent gefüllt war. Praktisch ist außerdem die gut sichtbare Ladestandanzeige an vielen Stationen, auf der sich der aktuelle Batteriestand auch aus einiger Entfernung ablesen lässt.

Für längeres Parken eignen sich die Ladeparks des Anbieters hingegen weniger. Ist eine Station stark ausgelastet, berechnet Electra ab einem Ladestand von 80 Prozent eine Blockiergebühr von 40 Cent pro Minute. Die App informiert rechtzeitig, bevor diese Zusatzkosten anfallen.

Erfreuliche Kostenbilanz

Bilanz: Über 4.000 vornehmlich durch Frankreich sowie rein elektrisch gefahrene Kilometer bereiteten wenig Probleme und bescherten uns sehr niedrige Energiekosten.
Bilanz: Über 4.000 vornehmlich durch Frankreich sowie rein elektrisch gefahrene Kilometer bereiteten wenig Probleme und bescherten uns sehr niedrige Energiekosten.

Unterm Strich hat sich Electra für unsere Frankreichreise als Glücksgriff erwiesen. Plug & Charge funktionierte zuverlässig, sämtliche Ladeparks arbeiteten problemlos und auch die Routenplanung überzeugte. Reichweitenangst spielte unterwegs praktisch keine Rolle mehr. Zumal der EV5 zwischen 300 und 400 Kilometern mit einer Akkuladung zurücklegen kann. Auch lange Tagesetappen lassen sich so meistern. Am Rückreisetag kamen rund 900 Kilometer zusammen, für die wir wegen und trotz der Ladepausen rund 11 Stunden brauchten.

Erfreulich fiel die Kostenbilanz aus. Im Durchschnitt verbrauchte der Kia rund 20 kWh je 100 Kilometer. Für die mehr als 4.000 Kilometer lange Reise summierten sich die Stromkosten somit auf lediglich rund 250 Euro. Ein vergleichbarer Benziner mit einem Verbrauch von 7,5 Litern und einem Kraftstoffpreis von zwei Euro pro Liter hätte für dieselbe Strecke rund 600 Euro verschlungen.

So günstig wie in Frankreich ist Electra allerdings nicht überall. In Belgien zahlten wir an zwei Stationen 55 bzw. 44 Cent pro Kilowattstunde. In Deutschland, wo das Electra-Netz bislang noch lückenhaft ist, kostet die Kilowattstunde mit dem Smart-Tarif derzeit 34 Cent. Mario Hommen/SP-X

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