E-Bike Chinesen

E-Bike-Markt: Die Chinesen kommen

Vom Zulieferer zum Taktgeber? Wie chinesische Hersteller den E-Bike-Markt und etablierte Hersteller technologisch herausfordern.

Jahrelang galten chinesische Unternehmen in der Fahrradbranche vor allem als Produktionsstandort und Zulieferer für Komponenten. Das ändert sich gerade grundlegend. Bei Antriebssystemen, Akkutechnologie und Ladeleistung setzen chinesische Hersteller zunehmend eigene technische Maßstäbe – und fordern etablierte Platzhirsche wie Bosch, Shimano oder Avinox direkt heraus.

Ein zentrales Innovationsfeld ist die Verschmelzung von Motor und Getriebe in einer einzigen Einheit. Der chinesische Hersteller Gobao hat mit seinem X-System (Titelfoto) ein Konzept entwickelt, das einen E-Antrieb mit einem elektronisch gesteuerten, stufenlosen Getriebe (E-CVT) kombiniert – ganz ohne klassisches Schaltwerk mit Kette und Ritzeln. Das System soll bis zu 150 Newtonmeter Drehmoment bei 1.500 Watt Spitzenleistung liefern.

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Das gemeinsam mit den Fahrradherstellern Canyon, Commencal, Forbidden, Mondraker und Megamo entwickelte System von Avinox kombiniert Motor und stufenloses Getriebe (eCVT) in einer kompakten Einheit. Foto: Avinox

Dazu kommt eine ungewöhnlich leistungsfähige Ladetechnik: Während etablierte Anbieter wie Bosch oder Avinox bei ihren Schnellladegeräten meist bei rund 12 Ampere an ihre Grenzen stoßen, arbeitet Gobaos System mit bis zu 30 Ampere. Ein Akku mit 750 Wattstunden Kapazität soll sich dadurch in unter 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen lassen – eine Ladezeit, die bislang eher aus der Elektroauto-Welt bekannt ist als von Fahrrädern.

Der Wettlauf um bessere Akkus

Auch bei der Batterietechnologie geben chinesische Unternehmen derzeit den Ton an. Mehrere Hersteller setzen auf sogenannte Semi-Solid-State-Zellen – eine Zwischenstufe zwischen klassischen Lithium-Ionen-Akkus und vollständigen Feststoffbatterien. Der Vorteil: eine deutlich höhere Energiedichte, die es erlaubt, bei gleicher Kapazität kleinere und leichtere Akkus zu bauen, oder bei gleichem Gewicht eine größere Reichweite zu erzielen.

Branchenexperten bewerten diese Technologie nicht nur als kleine Detailverbesserung, sondern als Entwicklung, die die gesamte E-Bike-Branche voranbringen könnte. Echte Feststoffakkus mit vollständigem Solid-State-Elektrolyt gelten zwar erst in zwei bis drei Jahren als serienreif – die chinesische Semi-Solid-State-Technologie gilt aber schon jetzt als realistischer und näher an der Marktreife liegender Zwischenschritt.

Die Preisfrage: Noch viele Unbekannte

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Mitte Juni hat Bosch den neuen Active Line Plus vorgestellt. Foto: Bosch

Bei aller technischen Begeisterung bleibt eine zentrale Frage bislang unbeantwortet: Was werden die neuen Systeme kosten? Offizielle Preislisten gibt es für die großen Antriebs- und Akku-Innovationen noch nicht – die meisten Systeme befinden sich noch im Prototypenstadium, der Serienstart ist frühestens für 2027, teils erst für 2028 geplant.

Einzelne Schätzungen kursieren dennoch bereits in der Fachpresse. Für ein integriertes Motor-Getriebe-System wie das chinesische X-System wurde etwa eine Größenordnung von rund 6.000 Euro genannt – allerdings ohne belastbare Herleitung. Aufschlussreicher ist ein anderer Hinweis aus derselben Recherche: Einem Bericht zufolge könnte ein solches System Fahrradhersteller bis zu 30 Prozent weniger kosten als ein vergleichbarer klassischer Mittelmotor mit Schaltung. Dabei handelt es sich allerdings um den Einkaufspreis für Fahrradhersteller (B2B) und nicht um den späteren Preis für ein fertiges E-Bike beim Endkunden.

Auch für die neuen Semi-Solid-State-Akkus liegen bislang keine Preisangaben vor. Konkret beziffert ist bislang nur ein Produkt im chinesischen Zubehörsegment: Neue Action-Kameras, die etablierten Marken wie GoPro und DJI Konkurrenz machen sollen, starten bereits ab rund 50 Euro und reichen bis etwa 200 Euro – ein Preisniveau, das deutlich unter dem der westlichen Platzhirsche liegt.

Belastbare Endkundenpreise für die neuen Antriebs- und Akkusysteme dürften voraussichtlich erst kurz vor dem jeweiligen Serienstart bekannt werden.

Breite Offensive im Zubehörmarkt

Der technologische Vorstoß chinesischer Anbieter beschränkt sich längst nicht mehr auf Motor und Batterie. Auch im Zubehörsegment drängen neue Marken auf den Markt, etwa im Bereich Action-Kameras, wo chinesische Hersteller mit deutlich günstigeren Preisen als etablierte Marken wie GoPro oder DJI auftreten. Gleichzeitig gewinnen chinesische Marken auch im Rennradsegment zunehmend an Sichtbarkeit und positionieren sich technisch neben europäischen Traditionsherstellern.

Der Innovationsdruck aus China bleibt nicht ohne Wirkung: Auch westliche Hersteller reagieren mit neuen Entwicklungen. Bosch etwa wagt nach Jahren als reiner Mittelmotor-Spezialist den Schritt zu Nabenmotor-Lösungen, während Avinox an integrierten Motor-Getriebe-Konzepten arbeitet, die dem chinesischen Ansatz technisch ähneln.

Offene Fragen: Service, Ersatzteile und Vertrauen

Trotz der technologischen Fortschritte bleiben Fragen zur Marktreife und Infrastruktur bestehen. Neue Antriebssysteme benötigen ein funktionierendes Servicenetz, verfügbare Ersatzteile und langfristigen technischen Support – Themen, die in anderen Branchen mit chinesischen Produkten bereits für Diskussionen gesorgt haben. In der Automobilbranche etwa haben Berichte über fehlende Ersatzteile und dünne Servicenetze bei einigen chinesischen Marken jüngst sogar dazu geführt, dass ein niederländischer Versicherer bestimmten Herstellern die Kaskoversicherung verweigerte. Ob sich vergleichbare Diskussionen auch im E-Bike-Markt entwickeln, sobald mehr chinesische Antriebssysteme in Serie gehen, bleibt abzuwarten. Titelfoto: Gobao

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