Nio ET7

Akku-Wechselstation: Wie funktioniert das?

Mit der chinesischen Marke Nio kommt auch das Konzept der Akku-Wechselstation nach Deutschland. Wie funktioniert das?

Jüngst hat die chinesische Automarke Nio ihre erste Akku-Wechselstation, so genannte Power Swap Stations (PSS), in Deutschland eröffnet, noch bevor die Marke die ersten E-Auto hierzulande anbietet. Doch wie funktioniert das System der Wechselakkus? Und was kostet es?

Agassi startete schon 2007

Vor allem in China setzt man auf die Wechselstationen, um E-Mobilität alltags- und langstreckentauglich zu machen. Neu ist das Prinzip der Wechselakkus keineswegs. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts setzte man vor allem bei Elektro-Taxis auf das Prinzip des schnellen Batteriewechsels. 2007 kam es dann zu einer Rückbesinnung durch das israelische Start-up Better Place. Gründer Shai Agassi, ein ehemaliger SAP-Vorstand, hatte fast eine Milliarde Dollar bei Investoren gesammelt und in seinem Heimatland Israel ein Pilotprojekt mit Wechselstationen gestartet, dem Ableger in Holland, Dänemark und Australien folgten. Später sollte das Konzept die ganze Welt verändern, erhoffte man sich bei dem jungen Unternehmen. Mit Renault konnte man zudem einen starken Industriepartner gewinnen, der die benötigten Autos konstruierte, baute und zur Verfügung stellte. Doch bereits 2013 war Better Place pleite, Renault stellte die Produktion von Autos mit Wechselbatterie ein.

Import aus China

Tausch-Station
Nio hat die erste Akku-Tausch-Station in Deutschland eröffnet. Fotos: Nio

Die nun neuerliche Renaissance des Akkutausch-Prinzips hat im großen Stil unter anderem der Nio vorangetrieben. Neben der Produktion von Autos mit modernster Akkutausch-Technik startete das Unternehmen 2020 außerdem den Aufbau von Batteriewechsel-Stationen zunächst entlang der Transitroute von Nord- nach Südchina. Bereits im April 2021 führte Nio eine zweite und verbesserte Version seiner Akkutausch-Station ein. Mittlerweile sind über 600 solcher Anlagen in China in Betrieb. Bis Ende 2025 soll ihre Zahl auf über 4.000 steigen. 1.000 davon sollen außerhalb von China entstehen.

Voller Akku in 5 Minuten

Der Clou dieser Lösung: Kunden der Marke werden in den Stationen vollautomatisch mit Langstreckentauglichkeit versorgt. Das Auto fährt dazu in eine Art Container auf eine Montagebühne, unter der ein Roboter die im Fahrzeugboden befindliche leere Batterie löst, um anschließend eine volle einzusetzen und diese wieder fest mit dem Fahrzeug zu verschrauben. So erhält der Nutzer Fahrstrom für mehrere 100 Kilometer, ohne dabei aussteigen zu müssen. Das Prozedere dauert nur 5 Minuten, was nicht nur wesentlich schneller als ein Halt an einem Schnelllader ist, sondern sogar im Vergleich zum klassischen Tankvorgang mehr Komfort bietet und weniger Zeit kostet.

Das Abo-Modell „BaaS“

Vor allem aber können Autonutzer damit Geld sparen. Für bereits mehrere Baureihen – unter anderem für ES6, EC6 und ES8 – bietet Nio die sogenannte „Battery as a Service“-Option (BaaS) an. Wer sich für dieses Angebot entscheidet, kauft das Fahrzeug ohne Akku und spart damit im Fall der kleineren 75-kWh-Batterie in China umgerechnet rund 9.700 Euro, beim größeren 100-kWh-Stromspeicher können chinesische Käufer sogar rund 17.700 Euro gegenüber dem eigentlichen Kaufpreis einsparen. Dafür muss der Nutzer allerdings die BaaS-Option buchen und künftig einen monatlichen Betrag entrichten. Abhängig von der Akkugröße sind das in China umgerechnet rund 136 Euro beziehungsweise 205 Euro.

Nios BaaS-Option ist übrigens kein rein chinesisches Phänomen mehr. Seit einiger Zeit ist der Autobauer auch in Europa aktiv. Genauer gesagt vertreiben die Chinesen ihre E-Autos seit vergangenem Jahr auch im Elektroauto-Musterland Norwegen. Seit November 2021 gibt es dort sogar eine erste Batterietausch-Station, die sich noch im Testbetrieb befindet. Kunden in Norwegen können dennoch bereits wählen, ob sie einen Nio mit Batterie kaufen oder sich für die BaaS-Option entscheiden.

In Norwegen schon aktiv

Wer etwa das ab März 2022 verfügbare SUV ES8 inklusive 75-kWh-Batterie bestellt, bezahlt in Norwegen aktuell rund 62.600 Euro. Mit BaaS-Option sinkt der Preis auf 53.500 Euro. Mit großem 100-kWh-Akku sind es 69.700 Euro, ohne Akku werden ebenfalls 53.500 Euro aufgerufen. Abhängig von der Batteriegröße kostet dann allerdings der BaaS-Service monatlich 142 beziehungsweise 202 Euro. Als Gegenleistung erhält man derzeit 6 kostenlose Batteriewechsel pro Monat und damit im Fall der 100-kWh-Batterie bis zu 600 Kilowattstunden, was rund 3.000 Fahrkilometern entspricht. Vor allem für Vielfahrer bietet damit der BaaS-Service Einsparpotenzial bei den Energiekosten insbesondere im Vergleich zum Verbrenner.

Wenig Interesse bei deutschen Herstellern

Deutsche und europäische Autohersteller lassen aktuell übrigens wenig Ambitionen erkennen, in die Wechselakku-Technik einzusteigen. 2020 brachte Renault mit dem Konzeptauto Morphoz dieses Prinzip zwar erneut ins Spiel, jedoch ohne praktische Folgen. In Deutschland ist bislang nur der Aachener Elektroauto-Hersteller Next.e.GO Mobile in diese Richtung aktiv geworden. Demnach hat das kleine Unternehmen jüngst zwei „e.Pit“ genannte Wechselstationen in Zülpich und Aachen in Betrieb genommen, denen bald schon weitere folgen werden. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. SP-X/Titelfoto: Nio

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