Audi kündigt sein erstes US-Werk auf einer Trump-Bühne an, während zu Hause tausende Stellen wegfallen.
Es war ein Auftritt, wie ihn sich ein Wahlkampfstratege nicht besser hätte ausdenken können. Eineinhalb Wochen vor den Kongresswahlen holte US-Präsident Donald Trump bei einer Republikaner-Veranstaltung in Georgia den Audi-Chef Gernot Döllner auf die Bühne. Gemeinsam verkündeten sie, dass die VW-Tochter erstmals ein Werk in den USA bauen will. Audi habe sich „soeben“ zu 4,2 Milliarden Dollar verpflichtet, sagte Trump. Gebaut werden soll nahe Macon.
Trump nannte das Vorhaben die größte Einzelinvestition der jüngeren Geschichte der Autoindustrie. Er dankte auch Handelsminister Howard Lutnick für dessen Anteil am Zustandekommen des Deals. Wer dem Konzern dankte, war weniger klar: Döllner bedankte sich laut Berichten bei Trump für dessen Unterstützung.
Audis US-Werk: Zahlen mit Spielraum

Schon die Zahlen wirken bei näherem Hinsehen weniger eindeutig als auf der Bühne. Audi selbst spricht von rund vier statt 4,2 Milliarden Dollar. Der Bau soll 2027 beginnen, die Produktion Anfang der 2030er Jahre anlaufen. Geplant sind 200.000 SUVs pro Jahr und rund 4.500 Arbeitsplätze. „Business Punk“ weist darauf hin, dass Trump zudem von 30.000 Jobs in der gesamten Branche sprach und das Wort „Trump“ in der Audi-Mitteilung nicht vorkommt.
Vor allem aber ist die Sache noch gar nicht beschlossen: Der Bau muss noch vom Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns genehmigt werden. Ein Konzernchef bedankt sich also bei einem Präsidenten für ein Projekt, über das sein eigener Konzern formal noch nicht entschieden hat.
Die Rechnung hinter dem Dank
Der Hintergrund ist schnell erzählt. Die US-Zölle haben Audi 2025 nach Angaben von Finanzvorstand Jürgen Rittersberger 1,2 Milliarden Euro gekostet, für 2026 erwartet der Konzern höhere Belastungen. Das „Handelsblatt“ berichtet, dass der Konzern im Gegenzug für die Investition möglicherweise Zollerleichterungen erhalten könnte. Das nährt den Verdacht, dass hier weniger ein Standort gewählt als ein Preis ausgehandelt wurde, und dass die Bühne in Georgia Teil der Gegenleistung war.
Während in Georgia 4.500 Stellen entstehen sollen, will der Konzern in der Heimat bis zu 7.500 Stellen streichen. Die Betriebsräte hatten gewarnt. Gesamtbetriebsratschef Jörg Schlagbauer forderte laut WirtschaftsWoche vor jeder neuen Werksplanung weltweit eine verbindliche, langfristige Perspektive für Ingolstadt und Neckarsulm. Eine solche Perspektive ist bislang nicht in Sicht. In Neckarsulm müssen bis Juni 2027 Vorschläge auf dem Tisch liegen, wie das Werk seine Kosten deutlich senkt. In Ingolstadt fehlen der Stadt zwölf Millionen Euro Gewerbesteuer.
Audi beteuert, das Vorhaben richte sich nicht gegen die deutschen Standorte. In Georgia sollen die großen SUV Q7, Q8 und Q9 entstehen, die bisher im slowakischen Bratislava gebaut werden. Ein deutsches Werk verliert dadurch nicht unmittelbar ein Modell. Wie es um die Auslastung steht, wenn der Konzern Produktion umschichtet, bleibt aber offen.
Nicht begeistert zeigte sich VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo von dem Auftritt: »Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Diffamierungen von Ausländern, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie – und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe«, sagte Cavallo laut „Spiegel online“. Wer die Rede von Trump gehört habe und habe wahrnehmen müssen, dass Döllner zum aktiven Teil dieser Veranstaltung geworden sei, müsse vor „Scham im Boden versinken“.
Die andere Seite
Fairerweise lässt sich einwenden, dass Audi gute Gründe für ein US-Werk hat. Nordamerika ist einer der wichtigsten Wachstumsmärkte, und eine Fertigung vor Ort soll Zoll-, Währungs- und Lieferkettenrisiken verringern. Georgias republikanischer Gouverneur Brian Kemp nannte die Ansiedlung historisch, und Trumps Anhänger sehen darin den Beweis, dass Zölle Investitionen ins Land holen. Ob das Werk tatsächlich gebaut wird, wird sich erst nach der Wahl und nach der Entscheidung des VW-Aufsichtsrats zeigen.
Für die Beschäftigten in Ingolstadt und Neckarsulm bleibt vorerst die Erkenntnis, dass ihr Konzern seine Zukunft lieber auf einer Wahlkampfbühne in Georgia verkündet als am Verhandlungstisch zu Hause.


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