Im Pariser Verkehrschaos übernimmt XPeng das Steuer. Eigentlich funktioniert das serienreife System gut, ist manchmal aber zu höflich.
Der Pariser Straßenverkehr bringt selbst erfahrene Autofahrer an ihre Grenzen. Wer sich als Ortsfremder durch das Gewusel aus Autos, Motorrollern, Radfahrern und Fußgängern kämpfen muss, braucht starke Nerven. Doch es geht auch entspannter. Zumindest, wenn man in einem XPeng mit dem weiterentwickelten Fahrassistenzsystem NGP sitzt. Das lenkt, bremst und beschleunigt nicht nur, sondern findet dank Navigationsanbindung auch weitgehend allein den Weg zum Ziel.
Wie gut das in der Praxis funktioniert, demonstrierte der chinesische Autobauer im Umfeld des Pariser Autosalons auf einer rund 30-minütigen Fahrt durch die französische Hauptstadt. Als Versuchsträger diente ein XPeng L03, dessen Aufkleber mit den Schriftzügen „Conduite autonome“ und „Test en cours“ auf die Erprobung automatisierter Fahrfunktionen hinweisen. Tatsächlich ist NGP kein autonomes Fahrsystem, sondern ein besonders leistungsfähiger Assistent nach Level 2, den XPeng aufgrund seiner erweiterten Fähigkeiten auch als Level 2++ bezeichnet. Die Verantwortung bleibt vollständig beim Menschen am Steuer.

Das funktioniert, oft auch verblüffend flüssig
Bei der Demonstrationsfahrt übernimmt diese Rolle eine geschulte Fahrerin, während Journalisten von der Rückbank aus beobachten können, was NGP bereits beherrscht. Ein Knopfdruck am Lenkrad genügt, und der XPeng fährt selbst. Unsere Fahrerin hält die Hände nur noch leicht am Steuer. Eingreifen muss sie zunächst nicht. Der Wagen folgt seiner Route, hält Abstand, bremst, erkennt Ampeln und andere Verkehrsteilnehmer, wechselt bei Bedarf die Spur und biegt selbstständig ab. Das funktioniert. Oft auch verblüffend flüssig.
Dabei fährt der XPeng ausgesprochen gesetzestreu. Weil in weiten Teilen von Paris Tempo 30 gilt, rollt er konsequent mit 30 km/h durch die Straßen. Schneller könnte er, sofern die Fahrerin ein höheres Tempo beim Abstandstempomaten vorgibt. Doch in der Standardeinstellung hält er sich an das gesetzliche Limit. Das unterscheidet ihn von vielen menschlichen Verkehrsteilnehmern, die es in Paris mit Geschwindigkeitsvorgaben weniger genau nehmen.
Gegenüber Fußgängern und Radfahrern zeigt NGP viel Rücksicht. Als in einiger Entfernung ein Passant die Fahrbahn quert, reduziert der XPeng sanft sein Tempo, um anschließend wieder zu beschleunigen. Vor Ampeln respektiert er die eigens für Radfahrer markierten Aufstellflächen und lässt ihnen den vorgesehenen Raum. Die Fahrweise wirkt vorausschauend, defensiv und flüssig.
Viel Rücksicht für Radfahrer und Fußgänger
Allerdings ist es mit der Zurückhaltung gelegentlich etwas zu gut gemeint. An einer Einmündung wartet der XPeng auf eine Lücke im dichten Querverkehr. Ein BMW-Fahrer hält an, um ihn hineinzulassen. Doch NGP zögert. Schließlich übernimmt die Fahrerin, lenkt und beschleunigt selbst.

Besonders anschaulich wird der Unterschied zwischen menschlicher Improvisation und maschineller Regeltreue an einer weiteren Kreuzung. Ein Smart Fortwo biegt vor uns verbotswidrig nach links ab und bleibt direkt vor dem XPeng stehen. Rechts wäre ausreichend Platz, um vorbeizufahren. Ein menschlicher Autofahrer hätte die Situation wohl mit einem kleinen Schlenker nach rechts gelöst. NGP wartet dagegen geduldig. Hinter uns wird bereits gehupt, ehe die Fahrerin eingreift und das Hindernis umfährt.
Solche Situationen zeigen, dass dem System noch etwas von jener pragmatischen Gelassenheit fehlt, mit der sich erfahrene Autofahrer durch den Stadtverkehr bewegen. Andererseits überrascht, wie selten überhaupt ein Eingriff nötig ist. Auf der vergleichsweise entspannten Sonntagsrunde meistert NGP den größten Teil der Strecke ohne menschliche Hilfe. Besonders anspruchsvolle Verkehrssituationen, etwa den berüchtigten Kreisverkehr um den Triumphbogen, umfasst die Route allerdings nicht.
Die NGP-Technik könnte bald kommen
Technisch setzt XPeng bei NGP auf eine weiterentwickelte KI-Architektur, die das Verkehrsgeschehen nicht nur erfassen, sondern auch dessen weitere Entwicklung vorhersagen soll. Dafür kombiniert das System mehrere Technologien. Das KI-Modell Infini-VLA kann visuelle Informationen über einen Zeitraum von bis zu 30 Sekunden berücksichtigen und Verkehrssituationen so besser im Zusammenhang bewerten. Dank sogenannter Streaming Inference sollen Wahrnehmung, Analyse und Reaktion parallel ablaufen, was laut XPeng eine dreimal schnellere Verarbeitung ermöglicht. Hinzu kommt die Prognosefunktion X-Foresight, die mögliche Bewegungen anderer Verkehrsteilnehmer bis zu sechs Sekunden im Voraus berechnet. So soll NGP frühzeitiger und möglichst ähnlich wie ein erfahrener Autofahrer reagieren. Zahlreiche Kameras erfassen die Umgebung, die Navigationsanbindung hält das System zudem auf der vorgegebenen Route.
In Europa will XPeng die weiterentwickelte NGP-Technik im ersten Quartal 2027 einführen, sofern die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen sind. Bis dahin bleibt abzuwarten, wie viel von den in Paris demonstrierten Fähigkeiten tatsächlich für Kunden freigegeben wird. Schon jetzt zeigt die Mitfahrt allerdings, wie weit sich automatisierte Fahrassistenz entwickelt hat. Für einen Fahranfänger, der sich erstmals durch Paris kämpfen muss, wäre ein solcher elektronischer Chauffeur wohl ein Segen. Auch wenn er gelegentlich etwas zu höflich ist. Mario Hommen/SP-X


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