Die Zahl der Roller mit Adventure-Bike-Appeal wächst. BMW geht mit der kleinen GS den umgekehrten Schritt einer Enduro.
Seit den 1990er-Jahren bemüht sich BMW mit Einzylinder-Modellen wie der F 650 und später der G 310 um den Motorradnachwuchs. Die strategisch wichtigen Modelle waren zuletzt allerdings nicht durchschlagend erfolgreich. Mit der von 2016 bis 2026 angebotenen 310er fuhr BMW hierzulande bei den Zulassungszahlen vergleichbaren Modellen von KTM eindeutig hinterher. Mit der neuen F 450 GS starten die Münchner nun einen weiteren Anlauf im Einstiegssegment, der deutlich mehr Potenzial, in den Verkaufscharts nach vorne zu fahren.
Die kompakte GS tritt optisch selbstbewusst auf, wirkt erwachsen und hat mit rund 7.200 Euro einen attraktiven Einstiegspreis. Entscheidender ist jedoch die Technik: Erstmals setzt BMW in dieser Klasse auf einen eigens entwickelten Zweizylinder, der nicht nur kultiviert läuft, sondern auch spürbar Charakter zeigt. Die neue Mini-GS fährt sich damit überraschend ausgewogen und zugänglich. Zudem geht der Spaßfaktor deutlich über das hinaus, was man in dieser Klasse erwarten würde.
Twin mit Effizienz

Herzstück ist ein neu entwickelter Parallel-Twin mit 420 Kubikzentimetern Hubraum. Er schöpft die A2-Grenze von 35 kW/48 PS voll aus und kombiniert das mit hoher Effizienz. Technisch bemerkenswert ist der 135-Grad-Kurbelzapfenversatz samt angepasster Zündfolge, der dem Motor trotz kompakter Bauweise und nur einer Ausgleichswelle einen eigenständigen, aber drehmomentstarken Charakter verleiht. Der Antrieb wirkt lebendig, spricht sauber an und bleibt dabei angenehm kultiviert. Das enge Packaging des Antriebs erlaubt einen recht kurzen Radstand, lässt allerdings keinen Raum mehr, einen Hauptständer unterzubringen.
Für Kontroversen dürfte die optionale „Easy Ride Clutch“ sorgen, die in der Topversion Trophy serienmäßig an Bord ist. Dabei handelt es sich um eine Art Fliehkraftkupplung, die das Anfahren ohne Betätigung des Kupplungshebels erlaubt. Wird im Stand ein Gang eingelegt, bleibt das Motorrad stehen, erst mit steigender Drehzahl greift die Kupplung automatisch. Gleichzeitig bleibt sie im Schubbetrieb geschlossen, sodass die Motorbremse erhalten bleibt. Gangwechsel erfolgen weiterhin klassisch per Fußhebel. Dank Quickshifter sind Gangwechsel mit und ohne Betätigung des Kupplungshebels möglich. Vor allem im Gelände erleichtern ERC und Quickshifter das Handling deutlich, etwa in langsamen, technisch anspruchsvollen Passagen. Puristen mögen das kritisch sehen, weil sich das ein wenig wie bei einer Variomatik eines Rollers anfühlt. Im praktischen Einsatz erweist sich die Lösung jedoch als echter Komfort- und Sicherheitsgewinn.
Ab ins Gelände

Abseits befestigter Straßen macht die F 450 ihrem Kürzel GS alle Ehre. Mit rund 180 Kilogramm ist sie deutlich leichter als die großen GS-Schwestern und punktet entsprechend mit Handlichkeit. Die Sitzposition ist aufrecht, die Ergonomie schlank, auch durchschnittlich große Fahrer finden sicheren Bodenkontakt. 18 Zentimeter Federweg, Motorschutz, griffige, rutschfeste Fußrasten und – in der Trophy-Version – eine Lenkererhöhung sorgen dafür, dass sich die BMW auch beim Stehendfahren sehr gut kontrollieren lässt.
Unterstützt wird das von grobstolligen Reifen wie dem Metzeler Karoo 4 in den Formaten 100/90-19 vorn und 130/80-17 hinten. Die schmale Dimension begünstigt das Einlenkverhalten und sorgt im Gelände auch dank Stollenprofil für guten Durchbiss, während das 19/17-Zoll-Setup eine gelungene Balance aus Spurtreue auf der Straße und Traktion auf losem Untergrund bietet. Wer jetzt noch auf die Fahrmodi Enduro oder Enduro Pro sowie etwa bei einer Spritztour durch einen Fluss die Traktionskontrolle deaktiviert, kann sein privates Dakar-Abenteuer erleben. Etwas Wagemut vorausgesetzt.
In Indien gefertigt

Auch auf der Straße überzeugt die kleine GS. Sie lenkt präzise ein, bleibt stabil und vermittelt schnell Vertrauen. Selbst bei widrigen Bedingungen: Während der Testfahrt auf Sizilien zeigte sich die bei TVS in Indien gefertigte BMW gutmütig und berechenbar. Die Sport-Version für rund 7.700 Euro legt hier noch nach: Mit „Sportfahrwerk“ und straßenorientierten Reifen in identischen Dimensionen gelingt der Kurvenstrich noch einen Tick präziser. Das vergleichsweise geschlossene Profil sorgt für geringeren Rollwiderstand und mehr Aufstandsfläche in Schräglage, ohne die Schottertauglichkeit komplett aufzugeben.
Überzeugend im Alltags- und Landstraßeneinsatz ist der Antrieb. Ab etwa 2.000 Touren legt der Twin sauber los, ab 4.000 U/min wird er spürbar lebendig. Im Bereich zwischen 4.000 und 7.000 Touren entfaltet er eine spaßbetonte Dynamik, die weder überfordert noch langweilt. Mit ihrem auch antriebsseitig ausgewogenen Naturell ist sie für Einsteiger wie erfahrene Fahrer ein Quell der Freude. Klanglich bewegt sich der Motor mit kernigem, leicht sonorem Ton dicht unterhalb der zulässigen Geräuschgrenze. Optional kann ein Akrapovič-Endschalldämpfer für eine noch etwas dumpfere Note sorgen.
Lästiges Kribbeln
Die Bremsanlage arbeitet kraftvoll und gut dosierbar, unterstützt von Kurven-ABS auf Basis einer 6-Achsen-IMU. Kritikpunkte bleiben überschaubar: Bergauf könnte der Motor etwas mehr Druck aus niedrigen Drehzahlen bieten, und bei Autobahntempo dreht der Twin vergleichsweise hoch. Bei 130 km/h liegen rund 7.000 U/min an, was nach längeren Fahrten zum lästigen Kribbeln in den Händen führen könnte.
Tourentauglichkeit bietet die F 450 GS dennoch. Die Sitzposition ist komfortabel, das Fahrwerk spricht sensibel an und steckt auch schlechte Straßen souverän weg. Auch bei hohem Reisetempo bietet sie stabilen Geradeauslauf. Der Windschutz fällt trotz kompakter Scheibe ordentlich aus und erlaubt bei Offroadpassagen und Landstraßentouren dauerhaftes Fahren mit offenem Visier. Dazu kommt ein aufgeräumtes Bedienkonzept mit gut ablesbarem 6,5-Zoll-Display, das Konnektivität für Navigation, Musik und Telefonie bietet.
Mäßiger Durst

Auch beim Verbrauch zeigt sich der neue Motor effizient. BMW gibt 3,8 Liter an. Auf einer Landstraßentour mit der Sport-Variante kamen wir auf 3,6 Liter. Nach einer längeren Offroadfahrt mit der Trophy stieg der Durst auf 4,5 Liter. Angesichts von Leistung und Fahrspaß sind das überzeugende Werte.
Das gilt auch den Einstiegspreis der Version Basis, die bereits Annehmlichkeiten wie einstellbare Hebel, das volle Arsenal an Regelelektronik, die dreistufige Griffheizung, das große Display samt Konnektivität und USB-Ports sowie gezackte Fußrasten mit abnehmbaren Gummis bietet.
Verschiedene Varianten
Neben der Variante Sport gibt es noch die Ausstattung Exklusive mit Hand- und Motorschutz und Quickshifter Pro. Wer sich für die rund 8.000 Euro Topversion Trophy entscheidet, bekommt darüber hinaus die Easy Ride Clutch. Statt wie für andere Baureihen zusätzliche Pakete bietet BMW für die F 450 GS lediglich Zubehör wie die optisch schicken Kreuzspeichenfelgen an. Wer sich für die Trophy, Speichenfelgen und Akrapovic-Auspuff entscheidet, treibt den Preis der Mini-GS auf Werte jenseits der 9.000-Euro-Grenze.
Unterm Strich ist BMW mit der F 450 GS in ihrem Segment wie auch darüber hinaus ein großer Wurf gelungen. Sie ist leicht, vielseitig, ausgewogen, topmodern und preislich attraktiv. Mehr denn je könnte BMW mit ihr Einsteiger aber auch Fortgeschrittene locken, die einen kompakten wie spaßbetonten Allrounder mit spezieller Technik zum moderaten Preis suchen. Mario Hommen/SP-X
BMW F 450 GS – Technische Daten:
Motor: wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 420 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, 35 kW/48 PS bei 6.750 U/min, 43 Nm bei 6.750 U/min, Einspritzung, 6 Gänge, Kette.
Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen; USD-Telegabel ø 4,3 cm vorne, Druck- und Zugstufendämpfung einstellbar, 18 cm Federweg; Aluminium-Zweiarmschwinge, mit direkt angelenktem KYB WAD-Federbein, Zugstufendämpfung und Federvorspannung einstellbar, 18 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen 100/90-19 vorne und 130/80-17 hinten. 31 cm Einscheibenbremse mit Vierkolben-Monobloc-Festsattel vorne, 24 cm Einscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten.
Assistenzsysteme: vier Fahrmodi, Kurven-ABS, hinten abschaltbar, schräglagenfähige Traktionskontrolle, abschaltbar
Maße und Gewichte: Radstand 1,465 m, Sitzhöhe 85 cm, Gewicht fahrfertig 178 kg, Zuladung 177 kg; Tankinhalt 14,0 Liter.
Fahrleistungen: Beschleunigung 0-100 km/h 5,9 sec., Höchstgeschwindigkeit 165 km/h, Normverbrauch 3,8 l/100 km, Testverbrauch 3,6 l/100 km.
Preis: ab 7.220 Euro
BMW F 450 GS – Kurzcharakteristik:
Warum: Leichtfüßige Einsteigerenduro mit hohem Geländepotenzial.
Warum nicht: Ausgewogene Motorcharakteristik.
Was sonst: KTM 390 Adventure R, Kawasaki KLE 500.
Wann kommt sie: Ab April im Handel.


Add a Comment