Gebrauchtwagen

Gebrauchte BEV werden deutlich beliebter

Die Nachfrage nach rein elektrischen Gebrauchtwagen wächst deutlich. Die Gründe dafür sind mannigfaltig.

Die Nachfrage nach rein batterieelektrischen Gebrauchtwagen (BEV) wächst deutlich und verschiebt den Markt: Privatkunden greifen zunehmend häufiger zum gebrauchten als zum neuen Stromer, getrieben von größerem Angebot und niedrigeren Preisen. Gleichzeitig wirken hohe Kraftstoffpreise wie ein Katalysator, sodass Elektroautos im Alltag vieler Pendler erstmals als wirtschaftlich attraktive Alternative wahrgenommen werden.

Analysen des Marktbeobachters DAT zeigen, dass die Besitzumschreibungen reiner Stromer im ersten Quartal eines Jahres bei rund 50.000 Fahrzeugen lagen – ein Plus von knapp 61 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit werden im Privatkundensegment inzwischen deutlich mehr gebrauchte als neue Elektroautos gekauft. Parallel dazu berichten große Gebrauchtwagenbörsen von einem regelrechten Angebotssprung: Die Zahl der inserierten gebrauchten Stromer stieg innerhalb von fünf Jahren von rund 12.000 auf gut 85.000 Fahrzeuge. Dieser Übergang vom Nischen‑ zum Volumenmarkt markiert den Punkt, an dem das Elektroauto „im Gebrauchtwagenmarkt angekommen“ ist.

Die wichtigsten Zahlen:

  • Die BEV-Besitzumschreibungen lagen im ersten Quartal bei 50.423 Fahrzeugen und damit rund 61 Prozent über dem Vorjahreswert.
  • 2025 machten gebrauchte Elektroautos nur 3,6 Prozent aller Besitzumschreibungen aus, ihr Anteil stieg aber gegenüber 2024 um rund ein Drittel.
  • Das Angebot auf mobile.de wuchs in fünf Jahren von rund 11.825 gelisteten gebrauchten Stromern im März 2020 auf 85.422 im März 2025.
  • Der Restwert eines typischen drei Jahre alten BEV lag zuletzt bei 49 bis 51,5 Prozent des Neupreises, bei Benzinern und Diesel deutlich höher.
  • Auf AutoScout24 stieg die Nachfrage nach gebrauchten Elektroautos im März 2026 gegenüber dem Vormonat um 39 Prozent.

Angebotsseite: Leasingrückläufer und Modellwelle

Ein zentraler Treiber des Wachstums ist die Angebotsseite: In den vergangenen Jahren wurden viele BEV über Leasing- und Flottenverträge in den Markt gebracht, die nun als junge Gebrauchte zurückkehren. Diese Fahrzeuge müssen von Handel und Herstellern vor allem im hiesigen Markt vermarktet werden, was das Angebot weiter ansteigen lässt – wenn auch moderat. Hinzu kommt, dass die Modellvielfalt deutlich zugenommen hat: Vom Kleinwagen bis zum SUV existieren heute Gebraucht‑BEV für verschiedenste Budgets und Anforderungsprofile, was die Zielgruppe erweitert. Durch den Angebotsüberhang geraten die Preise unter Druck, was wiederum neue Käuferschichten anspricht, die zuvor aus Kostengründen bei Verbrennern geblieben wären.

Auf der Nachfrageseite wirken vor allem die hohen Kraftstoffpreise als Beschleuniger: Steigende Benzin‑ und Dieselpreise – zuletzt verschärft durch internationale Konflikte – sorgen dafür, dass sich mehr Pendler aktiv nach Alternativen mit geringeren Betriebskosten umsehen. Branchenvertreter und internationale Beobachter sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dem hohen Preisniveau an den Tankstellen und dem wachsenden Interesse an elektrischen Antrieben. Die laufenden Kosten eines BEV sind für viele Nutzer inzwischen deutlich kalkulierbarer geworden, auch weil Erfahrungen aus der Praxis Reichweitenangst und Unsicherheiten abbauen. Parallel steigt die Akzeptanz in Befragungen: Während die Begeisterung für BEV‑Neuwagen wegen unsicherer Förderkulissen etwas nachgelassen hat, stehen viele Kunden gebrauchten E‑Autos offener gegenüber als noch vor wenigen Jahren.

Preisniveau und Restwerte als Kaufargument

Ein wesentlicher Grund für die Attraktivität gebrauchter BEV ist das im Vergleich zu Verbrennern niedrigere Restwertniveau. Ein typisches drei Jahre altes Elektroauto wird im Handel im Schnitt mit rund 51,5 Prozent des ursprünglichen Listenpreises bewertet. Bei Dieselmodellen liegen die Restwerte dagegen bei rund 62,7 Prozent, bei Benzinern sogar bei etwa 64 Prozent. Für Käufer bedeutet dies: Der Einstieg in die Elektromobilität gelingt gebraucht zu deutlich geringeren absoluten Kaufpreisen, während die laufenden Kosten – insbesondere im Vergleich zu hohen Spritpreisen – niedrig bleiben. Damit verschiebt sich das klassische Bild, dass Elektroautos vor allem im Neuwagenbereich interessant seien, hin zu einer zunehmend preissensiblen Gebrauchtkundschaft.

Frühe Skepsis gegenüber gebrauchter Hochvolttechnik wich in den letzten Jahren einer nüchterneren Betrachtung. Einerseits trägt die gestiegene Zahl realer Nutzererfahrungen dazu bei, dass Reichweitenverluste und Batteriealterung besser eingeordnet werden können. Andererseits haben sich Prüf‑ und Diagnosemöglichkeiten für Traktionsbatterien verbessert, was Händlern und Kunden mehr Sicherheit bei der Bewertung des technischen Zustands gibt.

Studien und Befragungen zeigen, dass sich die Wahrnehmung von E‑Gebrauchtwagen durch diese Kombination aus Erfahrungswissen und technischer Prüfbarkeit sukzessive verbessert. Auch die stärkere Präsenz von BEV im Straßenbild senkt die psychologische Eintrittsschwelle: Elektro wird vom exotischen Sonderfall zur normalen Option im Suchfilter der Gebrauchtwagenportale.

Ausblick: Vom Nischen‑ zum Volumensegment

In Summe sprechen die Kennzahlen für eine weitere langsame, aber robuste Ausweitung des BEV‑Gebrauchtwagenmarktes. Mit jedem Leasingzyklus wächst die Basis an jungen Gebrauchtfahrzeugen, die zu attraktiven Preisen in den Markt gedrückt werden. Steigende Kraftstoffpreise und der gesellschaftliche Druck zur Emissionsreduktion werden das Interesse an elektrischen Antrieben voraussichtlich weiter stützen.

Für Händler und Hersteller öffnet sich damit ein zweites Standbein der Elektromobilität: Neben dem Neuwagengeschäft etabliert sich ein eigenständiger Gebrauchtmarkt, der in seiner Dynamik zunehmend klassischen Verbrenner-Segmenten ähnelt – mit allen Chancen und Risiken in Bezug auf Restwerte und Marge. Für viele private Käufer markiert genau dieser Markt den realen Einstieg in die Elektromobilität – nicht am Konfigurator, sondern zwischen ein bis fünf Jahre alten Fahrzeugen auf Online‑Portalen und Händlerhöfen. Titelfoto: ChatGPT

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