Insolvenz Accell

Insolvenz betrifft Haibike, Winora und Ghost

Die Accell-Gruppe steht am Abgrund. Jetzt haben auch die deutschen Marken ein Insolvenzverfahren eingeleitet.

In der jüngeren Vergangenheit war häufiger über kriselnde Fahrradhersteller zu lesen. Nun hat es mit Accell Group einen Branchenriesen aus den Niederlanden erwischt, zu dem auch einige bekannte deutsche Marken gehören. Für die unter dem Dach von Accell Germany geführten Marken Winora, Haibike und Ghost muss die Insolvenz der niederländischen Muttergesellschaft jedoch noch nicht das Ende bedeuten. Die deutschen Aktivitäten sollen nach dem derzeitigen Plan aus dem Konzern herausgelöst und mit neuen Investoren weitergeführt werden.

Die Accell Germany GmbH sowie die Tochtergesellschaften Winora Staiger, Ghost-Bikes und der Teilegroßhändler Engelbert Wiener Bike Parts haben beim Amtsgericht Schweinfurt jeweils ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Laut eigener Pressemitteilung wird der Geschäftsbetrieb zunächst weiterlaufen. Die Löhne und Gehälter der rund 370 Beschäftigten an den Standorten Sennfeld und Waldsassen sind bis Ende Oktober über das Insolvenzgeld gesichert. 2025 erzielten die deutschen Gesellschaften nach eigenen Angaben mehr als 340 Millionen Euro Umsatz.

Chance auf Neustart in Eigenverwaltung

Die Eigenverwaltung soll die Chance auf einen Neustart eröffnen. Anders als bei einer sofortigen Abwicklung bleibt die Geschäftsführung im Amt und kann den Betrieb unter Aufsicht eines Sachwalters sanieren. Ziel ist eine Investorenlösung außerhalb der bisherigen Accell-Struktur. Mit bekannten Marken, einem bestehenden Vertriebsnetz und einer Stammkundschaft bringen Winora, Haibike und Ghost grundsätzlich verwertbare Substanz mit. Ob daraus eigenständig tragfähige Unternehmen entstehen, hängt allerdings von Investoren, Gläubigern und einer Erholung des weiterhin von Überkapazitäten und Preisdruck geprägten Fahrradmarkts ab.

Die Krise der Accell-Gruppe nahm ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Fahrradbooms ihren Anfang. 2022 übernahm ein vom US-Finanzinvestor KKR geführtes Konsortium den damals börsennotierten Konzern für rund 1,56 Milliarden Euro. Kurz darauf brach die während der Pandemie stark gestiegene Nachfrage ein. Aus Lieferengpässen wurde ein Überangebot, Händler und Hersteller saßen auf hohen Lagerbeständen. Ende 2023 hatte Accell Berichten zufolge rund 340.000 fertige Fahrräder auf Halde. Hohe Rabatte belasteten anschließend Preise und Erträge, 2024 sank der Konzernumsatz um 22 Prozent.

Babboe: Hausgemachte Probleme

Erschwerend hinzu kamen hausgemachte Probleme. Bei der Lastenradmarke Babboe führten Sicherheitsmängel an Rahmen zu Rückrufen und Verkaufsstopps. Gleichzeitig schloss Accell Werke, strich Stellen und verlagerte Produktion nach Ungarn. Ein Schuldenschnitt verringerte die Finanzverbindlichkeiten 2024 zwar von rund 1,4 Milliarden auf etwa 800 Millionen Euro, eine nachhaltige Stabilisierung gelang jedoch nicht. Anfang 2026 gab KKR die Kontrolle an die kreditgebenden Banken ab.

Als letzte Rettung galt der Verkauf der gesamten Gruppe an die zur singapurischen Dutech Group gehörende Tri Star Group. Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme am 8. Juli freigegeben. Der internationale Verkaufsprozess scheiterte dennoch zum Monatswechsel; zu den konkreten Gründen äußerte sich Accell bislang nicht. In der Folge beantragten Konzerngesellschaften in zahlreichen europäischen Ländern, darunter Deutschland, Insolvenzverfahren oder vergleichbare gerichtliche Verfahren. SP-X/Titelfoto: Winora

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