Nach wie vor verwendet CF Moto KTM-Triebwerke für eigene Modelle – wie es auch bei den verschiedenen Versionen der CF Moto 800 MT der Fall ist. Foto: SP-X/fbn

Pralle Ladung: CF Moto 800 MT-ES

CF Moto aus China visiert mit der technisch aufwendig ausstaffierten 800 MT-ES ein neues Niveau an. Das gelingt weitgehend. 

So ganz falsch können sie’s nicht machen, die Leute beim chinesischen Motorradhersteller Zhejiang Chunfeng Power Co. in Hangzhou. Denn als erster chinesischer Motorradbauer machte sich die Firma mit ihren unter dem Markennamen CF Moto angebotenen Motorrädern auf dem siebenten Platz der deutschen Motorradmarken-Hitparade breit. Gleich fünf Modelle schafften es im ersten Halbjahr dieses Jahres unter die 50 in Deutschland meistverkauften. Kein Zweifel, CF Moto ist gekommen, um zu bleiben.

Erst in den frühen 2000er Jahren begann man bei Zhejiang Chunfeng mit der Produktion von Motorrädern. Doch bereits 2011 zündete ein Wachstumsturbo: Die Firma konnte mit KTM eine Handelspartnerschaft schließen, woraus sich bis 2017 ein Joint Venture entwickelte. Das ermöglichte den Chinesen den Bau und Verkauf von KTMs im eigenen Land. Dazu montierten sie hubraumschwache KTM-Modelle für den Weltmarkt sowie Motoren auch mit größerem Hubraum.

KTM 790 Duke

Mit nur 82,5 cm Sitzhöhe ist die CF relativ niedrig; da wirken sich die beschränkten Federwege positiv aus.
Mit nur 82,5 cm Sitzhöhe ist die CF relativ niedrig; da wirken sich die beschränkten Federwege positiv aus.

Ein Beispiel ist die eben erst gründlich überarbeitete neue Generation der KTM 790 Duke. Deren Entwicklung erfolgte in Mattighofen, die Produktion aber läuft in Hangzhou. Nach wie vor verwendet CF Moto KTM-Triebwerke für eigene Modelle – wie es auch bei den verschiedenen Versionen der CF Moto 800 MT der Fall ist. In ihr steckt der Motor der KTM 790 Adventure, wobei er 4 der 95 Pferdestärken verloren hat.

Neueste Spielart dieser Baureihe ist die Version ES; die Abkürzung steht für „Electronic Suspension“, also elektronisches Fahrwerk. Damit ist CF Moto in die Fahrwerks-Oberklasse aufgestiegen. Das System stammt von KYB, früher als Kayaba bekannt und in Japan beheimatet. Mit diesem Modell nimmt CF Moto momentan eine herausgehobene Position unter den chinesischen Marken ein, denn derzeit kann diese Technologie niemand sonst bieten; in Europa offerieren Aprilia, BMW, Ducati, KTM und Moto Guzzi solche Systeme in einigen Oberklasse-Bikes, auch japanische Marken haben Modelle mit semiaktiven Fahrwerken im Angebot. Und nun also auch die erste Marke aus China.

Technologischer Leckerbissen

Um die Frage nach der Funktion dieses Fahrwerkssystems sofort zu beantworten: Das KYB-System macht seine Sache gut, Voreinstellungen wie Personenzahl sind natürlich möglich. Mit diesem technologischen Leckerbissen gibt sich die Achthunderter zwar nicht als fliegender Teppich, weil ihre Federwege (16 bzw. 15 cm) auf überwiegenden Straßenbetrieb ausgelegt sind.

Die 32 cm Doppelscheibenbremse vorne ist mehr als ausreichend dimensioniert. Alle Fotos: SP-X/fbn
Die 32 cm Doppelscheibenbremse vorne ist mehr als ausreichend dimensioniert. Alle Fotos: SP-X/fbn

Abseits des Asphalts sind die Möglichkeiten deutlich limitiert; die Bedürfnisse der meisten „Reise-Enduristen“ in Deutschland dürften aber wohl voll erfüllt werden. Zur insgesamt sehr guten Reiseeignung der Chinesin gehört ein zufriedenstellender, aber etwas schwergängig per Handrad verstellbarer Windschild, eine angenehme Sitzposition und die Möglichkeit, sowohl die Lenkergriffe als auch die Fahrer-Sitzfläche auf Kommando zu erwärmen. Apropos Sitz: Mit nur 82,5 cm Sitzhöhe ist die CF relativ niedrig; da wirken sich die beschränkten Federwege positiv aus. Weitere Goodies: Zweiwege-Quickshifter, Radar-Überwachungssystem, Reifendruckkontrolle, Lenkungsdämpfer, Tempomat. Offen bleiben eigentlich nur der Wunsch nach einer Blinker-Rückstellautomatik und einem Keyless-System.

Fahrerhandbuch wichtig

Das farbige TFT-Display ist sehr auskunftsfreudig.
Das farbige TFT-Display ist sehr auskunftsfreudig.

Zurück zum Display. Es ist der Dreh- und Angelpunkt des Bordcomputers und mit allen Schikanen ausgestattet, mit 8 Zoll sehr groß und vom Typ MMI; ebenfalls geboten ist Apple CarPlay. Um das Elektroniksystem auch nur halbwegs beherrschen zu können, ist ein längeres Studium des Fahrerhandbuchs nötig; alleine das Display-Kapitel umfasst nicht weniger als 128 Seiten. Zur Bedienung kann oder muss getatscht und/oder gewischt werden, es geht aber auch teils mit Sprachsteuerung und über eine verwirrende Anzahl von Tasten links am Lenker. Intuitiv ist anders.
231 Kilo fahrfertig sind für eine – zugegeben sehr gut ausgestattete – Achthunderter schon eine Ansage. Wer die luxuriös ausgestatteten Seitenkoffer und das nicht minder feine Topcase samt Stahlträger für bescheidene 1.500 Euro dazukauft, montiert, bürdet sich mindestens 20 zusätzliche Kilogramm auf. Dann sind die tollen Alukisten mit der fantastischen Innenauskleidung und dem feinen Verschlusssystem freilich noch leer.

5 Liter auf 100 km

Jetzt aber endlich zu Motor und Antrieb: Der aus der KTM Duke wie auch der 790 Adventure bekannte Twin ist nach wie vor ein prima Teil, bietet für die Hubraumkategorie guten Durchzug und ist ausgesprochen drehfreudig. Das Triebwerk hängt fein am Gas und gibt seine Leistung berechenbar ab. Die Leistung von 91 PS und 75 Nm ist klassenüblich. Das „Drehen am Quirl“ erfordert mit durchschnittlich knapp über 5 Liter pro 100 Kilometer nicht übertrieben viel Sprit und macht auch deshalb Spaß, weil sich die Michelin Anakee als gute Wahl herausstellen: Sie überzeugen auf Asphalt wie im leichten Offroadeinsatz. Leider werden nicht auch noch Winkelventile zur leichteren Luftdruckkontrolle geliefert. Für Normalfahrer dürfte die Fünfjahresgarantie ein gutes Argument darstellen, auch wenn sie auf 40.000 Kilometer limitiert ist.

Es spricht also wenig gegen die CF Moto 800 MT-ES, aber eine ganze Menge für sie, denn echte Macken hat sie nicht. Voraussetzung für eine dauerhaft harmonische Verbindung von Motorrad und Fahrer ist, dass dieser Lust hat, das komplizierte Bedienungssystem rund um das MMI-Display auch verstehen zu lernen.  Ulf Böhringer/SP-X

CF Moto 800 MT-ES – Technische Daten:

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder, 799 ccm Hubraum, 67 kW/91 PS bei 9.250 U/min., 75 Nm bei 8.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Stahl-Zentralrohrrahmen, angeschraubter Stahl-Heckrahmen; vorne USD-Telegabel, 4,1 cm Ø, 16 cm Federweg, semiaktive Fahrwerksregelung; hinten Aluminium-Zweiarmschwinge, 15 cm Federweg; Aluminiumfelgen mit Kreuzspeichen; Reifen Michelin Anakee 110/80 R 19 (vorne) und 150/70 R 17 (hinten). 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 26 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: abschaltbares ABS mit Schräglagenfunktionen, dynamische, schräglagenoptimierte Traktionskontrolle, abschaltbar, semiaktives Fahrwerksregelsystem, vier Fahrmodi, Tempomat, LED-Scheinwerfer mit Zusatzscheinwerfern

Maße und Gewichte: Radstand 1,53 m, Sitzhöhe 82,5 cm, Gewicht fahrfertig 231 kg, Zuladung 182 kg; Tankinhalt 19,2 l

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 195 km/h. Normverbrauch lt. EU5+ 5,0 l/100 km, Testverbrauch 5-5,3 l/100 km, Reichweite: 350+ km, Standgeräusch 92 dB(A)

Preis und Garantie: 10.999 Euro inkl. Nebenkosten, Gepäcksystem 1500 Euro; 5 Jahre oder 40.000 km Herstellergarantie

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