KI und Cloud könnten die „kritische Kommunikation“ zwischen Polizei und Rettungsdiensten schneller machen. Könnte…
Es kracht auf der Autobahn. Eine Verkehrskamera nimmt den Unfall sofort auf, automatisch geht der Alarm an die nächste Polizeistreife. Noch während die Beamten zur Unfallstelle fahren, bekommen sie erste Hinweise auf ihr Display: Wie viele Fahrzeuge, wie viele Verletzte, welche Spur ist blockiert? Ein Rettungswagen ist zeitgleich alarmiert.
Minuten später: Am Unfallort beginnt ein Ersthelfer die Wiederbelebung, während ein Sensor am Körper des Verletzten bereits Puls und Blutdruck an die Leitstelle funkt. Der Patient stammelt, wo es schmerzt – eine Audio-Software hört zu und gleicht die Symptome in Echtzeit mit medizinischen Datenbanken ab. Aus der Leitzentrale geht sofort eine Nachricht an die Notaufnahme raus: Ein Schwerverletzter kommt, das Team soll sich vorbereiten. Auf der Autobahn richtet die Straßenwacht da bereits eine Umleitung ein, Autofahrer bekommen Umleitungsempfehlungen auf ihr Navi. Den nötigen Überblick liefert ein Polizeihubschrauber, dessen Kamerabilder live in der Leitstelle ankommen.
Die Daten sind vorhanden, man muss sie nur vernetzen

Science Fiction? Nein. Alles längst machbar – und in anderen Ländern sogar schon Alltag. Lebensrettender Alltag. Möglich wird die schnelle Hilfe, wenn jeder in diesem Netz aus Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Straßenverkehr Zugriff auf die Informationen der anderen hat. Genau dazu haben Aussteller wie Nokia, Motorola Solutions, Airbus oder Samsung auf der Messe Critical Communications World (CCW) gerade gezeigt, wie aus Funkgeräten, Kameras und Sensoren ein gemeinsames, datenreiches Lagebild entsteht – zum Nutzen all jener, die im Ernstfall auf schnelle Hilfe warten: Autofahrer, Radler, Fußgänger – also jeder, der einmal selbst zum Unfallopfer werden könnte.
Die Datenmengen, die heute zwischen Fahrzeugen, Verkehrsinfrastruktur und Einsatzkräften fließen können, sind enorm. Moderne Autos kommunizieren bereits direkt mit der Umgebung – Car2X nennt sich diese Technik, bei der Fahrzeuge Gefahrenstellen, Glätte oder Staus in Echtzeit untereinander austauschen. Verbindet man das mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten, entsteht ein Netz, das Unfälle nicht nur schneller meldet, sondern Probleme auch schneller löst.
Die Datenmengen wachsen rasant
Die Herausforderung für die sogenannte „kritische Kommunikation” der Dienste: Die Datenmengen wachsen rasant – und die Übertragung muss auch dann funktionieren, wenn Mobilfunknetze schwach oder überlastet sind. Nicht selten auch deswegen, weil an einer Unfallstelle plötzlich Hunderte Schaulustige gleichzeitig telefonieren und filmen. Bislang nutzen Polizei und Rettungsdienste für solche kritischen Verkehrsdaten darum noch veraltete Mobilfunktechnik nach dem Standard 2G – störungsarm und leistungsstark für einfache Sprachverbindungen, aber ungeeignet für Videostreams, Sensordaten oder KI-Auswertungen in Echtzeit. Der Umbau auf moderne 5G-Netze, wie er auf der Londoner Messe in zahlreichen Variationen gezeigt wird, soll genau das ändern. Die Industrie demonstriert dort Lösungen, die den Straßenverkehr sicherer machen sollen und im Notfall schnellere, bessere Hilfe versprechen.
Ein Beispiel aus der Praxis liefert Katy Horsewood. Sie arbeitet im Kontrollraum der Polizei der englischen Grafschaft Lincolnshire und hat bereits KI-gestützte Systeme getestet, wie sie auf der CCW gezeigt werden. „Unser Job ist extrem stressig, oft müssen wir erst mal Informationen aus den verschiedensten Quellen sammeln“, beschreibt sie ihren Alltag. „Jetzt haben wir alles an einem Ort.“
Mehr Zeit für die Kollegen in der Leitstelle
Den Polizisten am Einsatzort könne die KI dabei nicht ersetzen, betont sie – wohl aber den Kolleginnen und Kollegen in der Leitstelle mehr Zeit für die eigentlichen Einsätze verschaffen. Besonders die mühsame Dokumentationsarbeit habe sich verändert: „Wir müssen nicht mehr endlose Protokolle auf Basis von handschriftlichen Aufzeichnungen erstellen. Die KI fasst fast alles aus Bildern, Videos und Sprache automatisch zusammen.“
Genau solche Werkzeuge zeigt etwa Motorola Solutions auf der Messe unter dem Namen Assist – eine KI-Plattform speziell für Leitstellen von Polizei und Feuerwehr. Wenn dort das Telefon klingelt, ist künftig zuerst einmal kein Mensch am Apparat, sondern eine warmherzig redende KI-Kollegin, die mithört, mitschreibt und mit übersetzt.: Denn sie erkennt automatisch, in welcher Sprache ein aufgeregter Anrufer auch meldet: Panisch gestammeltes Hochdeutsch? Kölsch? Türkisch oder Urdu?
Und dann sind da noch die Sprachbarrieren
Die KI-Kollegin kommuniziert sofort in Hunderten Sprachen und Dialekten und gibt alle Informationen per Textmessage an die Einsatzkräfte weiter. Laut Motorola Solutions verlängern solche Sprachbarrieren jeden Notruf im Schnitt um 70 Sekunden – wertvolle Zeit, die bei einem Herzinfarkt oder einem schweren Unfall fehlen kann. Die KI transkribiert das Gespräch zudem live, Wort für Wort, und markiert automatisch Schlüsselbegriffe wie „Brustschmerzen“ oder „bewusstlos“, auf die Leitstellenmitarbeiter oder Rettungssanitäter sofort reagieren können.
Wie groß der Effekt sein kann, zeigt ein Beispiel aus den USA: Eine amerikanische Behörde, die ein vergleichbares System zur automatischen Anonymisierung von Beweismaterial nutzt, berichtet, die Bearbeitungszeit für Unfallvideos sei von 35 Stunden auf eine Stunde gesunken. Auch Routineanrufe, die bislang viel Personal in den Leitstellen binden, übernimmt die Technik zunehmend selbst: Bis zu 65 Prozent der eingehenden Anrufe gelten als nicht akut – Falschalarme, Lärmbeschwerden, einfache Auskünfte. Werden diese automatisch abgearbeitet, bleibt mehr Kapazität für echte Notfälle wie Verkehrsunfälle mit Verletzten.
Aus Deutschland kommen: Bedenken
Ob solche Technik in Deutschland schnell ankommt, ist allerdings fraglich. Ein Branchenexperte berichtet auf der Messe von einer Konferenz, auf der zunächst ein Vertreter einer deutschen Behörde sprach. Dessen Kernbotschaft: Der Einsatz von KI in deutschen Leitstellen sei kompliziert, es werde noch lange dauern, bis entsprechende Systeme flächendeckend laufen. Kurz darauf trat der Manager eines amerikanischen Dienstleisters für KI-gestützte Notrufkommunikation ans Pult – und schilderte, was anderswo längst Alltag ist: „Tolle Möglichkeiten, wir haben damit schon Hunderten Kindern in aller Welt geholfen.“ Der Kontrast zwischen beiden Auftritten beschreibt ziemlich genau das Tempo, mit dem verschiedene Länder derzeit unterwegs sind.
Für Autofahrer auf deutschen Straßen bedeutet das: Die Technik, die Leben retten könnte, existiert bereits – und wird längst nicht mehr als Zukunftsversprechen, sondern als einsatzfähiges Produkt gezeigt. Bis der nächste Unfall auf der Autobahn tatsächlich von einer KI mitgehört, übersetzt und an die richtige Klinik weitergemeldet wird, dürfte es in Deutschland aber noch eine ganze Weile dauern. Peter Weißenberg/SP-X/Titelfoto: SP-X


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