Treibstoff

Ist Treibstoff bald Mangelware?

Wirtschaftsministerin Reiche warnt vor einer baldigen Treibstoff-Knappheit. Doch was ist dran an diesem Szenario?

Deutschland droht durch die aktuelle Iran‑Krise kurzfristig vor allem ein Preis‑, nicht zwingend ein Mengenproblem – echte Knappheit bei Benzin und Diesel ist möglich, aber nur bei einem länger anhaltenden Krieg mit Blockade der Straße von Hormus und zusätzlichen Störungen. Die Bundesregierung und die Internationale Energieagentur (IEA) versuchen mit der Freigabe von Ölreserven gegenzusteuern, sodass Engpässe frühestens ab Ende April oder im Mai 2026 befürchtet werden – und auch dann nicht als Totalausfall, sondern als punktuelle Knappheit und sehr hohe Preise.

Der Iran hat den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zeitweise blockiert, eine der wichtigsten Routen für den Welthandel mit Öl. Durch diese Meerenge flossen 2024 täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl, also fast 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs; Pipelines können nur einen kleinen Teil davon ersetzen. Fällt dieser Strom längere Zeit aus oder bleibt stark eingeschränkt, verknappt das global verfügbare Angebot und treibt die Preise an allen Märkten inklusive Europas.

Deutschland selbst bezieht den Großteil seines Rohöls aus sehr vielen verschiedenen Ländern – laut Mineralölverband EN2X aus rund 30 Lieferstaaten, unter den Top Ten ist mit dem Irak nur ein Land aus der Golfregion. Damit ist die Bundesrepublik weniger direkt, aber sehr stark indirekt über den Weltmarkt von einer Hormus‑Blockade betroffen.

Aktuelle Lage: Teure, aber noch verfügbare Kraftstoffe

Seit Beginn des Iran‑Kriegs sind Rohölpreise binnen weniger Tage um rund 16 Prozent gestiegen, während Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas in Deutschland noch stärker anzogen. Energiemarkt‑Experten führen dies auch auf ausgeweitete Gewinnmargen der Raffinerien zurück, die die Nervosität des Marktes nutzen. Laut Bundesregierung und Mineralölverband gibt es allerdings derzeit keine physischen Knappheiten bei Öl und Gas in Deutschland, die Versorgung gilt aktuell als gesichert.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warnt dennoch: Bei einem längeren Krieg könne Treibstoff – also Benzin, Diesel und Kerosin – knapp werden. Sie betont, momentan gebe es keine Volumenengpässe, aber falls der Konflikt nicht ende, rechne man „vermutlich Ende April oder im Mai“ mit Problemen.

Notfallreserve und Gegenmaßnahmen

Als Reaktion auf die Irankrise und die Blockade von Hormus haben die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur beschlossen, insgesamt 400 Millionen Barrel Öl aus ihren Notfallreserven freizugeben. Deutschland trägt dazu 19,5 Millionen Barrel bei, um den unter Druck stehenden Markt zu beruhigen und Angebot zu ergänzen. Allein die Debatte über diesen Schritt ließ den Ölpreis nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft bereits um rund 20 US‑Dollar pro Barrel fallen.​

Diese Reserven dienen dazu, zumindest vorübergehend Ausfälle im weltweiten Ölfluss zu kompensieren und eine akute, flächendeckende Treibstoffknappheit in Importländern wie Deutschland zu verhindern. Dennoch bleiben die „Herausforderungen groß wie nie“, da ein Fünftel der weltweiten Öllieferungen normalerweise durch Hormus läuft und nicht vollständig ersetzbar ist.

Wann könnten Benzin und Diesel konkret knapp werden?

Die Einschätzung der Bundesregierung lässt sich in drei Szenarien einteilen:

  • Kurzer Krieg / rasche Deeskalation
    Der Konflikt flaut in den nächsten Wochen ab, die Blockade lockert sich, Ölströme normalisieren sich teilweise. In diesem Fall bleiben Benzin und Diesel zwar teuer, aber breit verfügbar; echte Knappheiten an Tankstellen sind unwahrscheinlich.
  • Längerer Krieg ohne totale Sperre
    Der Krieg zieht sich, Schifffahrt durch Hormus bleibt eingeschränkt, aber nicht vollständig gestoppt, während Reserven der IEA in den Markt fließen. In diesem Szenario drohen vor allem sehr hohe Preise und lokale, zeitweise Engpässe, langfristige, flächendeckende Rationierungen wären aber noch nicht zwingend.
  • Langer Krieg mit harter Blockade und weiteren Ausfällen
    Die Straße von Hormus bleibt für Monate weitgehend blockiert, andere Förderländer reduzieren ebenfalls, und Zwischenlager sowie Reserven reichen nicht mehr aus, um die Lücke zu schließen. Dann könnten – so die Warnung der Ministerin – ab „Ende April oder im Mai“ echte Versorgungsengpässe für Benzin und Diesel in Deutschland auftreten, etwa durch Kontingentierung, Schließung einzelner Tankstellen oder priorisierte Belieferung von Systembereichen.

Fazit: Knappheit ist möglich

Kurzfristig sind die sichtbarsten Folgen für deutsche Autofahrer extrem hohe Spritpreise, nicht leere Zapfsäulen. Ob und wann Benzin und Diesel tatsächlich knapp werden, hängt vor allem davon ab, ob der Iran‑Krieg andauert, die Straße von Hormus weiter blockiert bleibt und ob die globalen Reserven und Umleitungen das ausfallende Öl nicht mehr ausgleichen können – dann wären ab Ende April oder im Verlauf des Mai 2026 reale Engpässe möglich. Titelfoto: Gemini

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