Der Nissan Micra ist elektrisch, klein und überraschend erwachsen. Vor allem aber findet man sich in ihm sofort zurecht. Der Abschlussbericht.
Elektroautos sollen auch bei Käufern ankommen, die für einen Neuwagen nicht tief in die Tasche greifen wollen oder können. Dafür gibt es inzwischen eine ganze Riege kleiner Stromer: Citroën e-C3, Peugeot e-208, Opel Corsa Electric und bald auch den VW ID.Polo. Ihnen allen gemeinsam ist die untere Preisgrenze von rund 25.000 Euro. Jüngst schickte Nissan den Micra ins Rennen. Fest steht: Mit seinen runden Scheinwerfern und dem freundlichen Gesicht hat er die Sympathien schon mal auf seiner Seite.
Lesen Sie auch das Test-Tagebuch zum Nissan Micra Evolve

Wir fuhren in den beiden zurück liegenden Wochen die Topversion Evolve (Lesen Sie dazu auch das Test-Tagebuch). Er bringt den 52-kWh-Akku, 110 kW (150 PS), Stau- und Lenkassistent, Querverkehrswarner, eine Harman/Kardon-Anlage und ein Winterpaket mit, ist also sehr komplett ausgestattet. Zu den Preisen kommen wir später noch, da hat sich nämlich aktuell etwas getan.
Bedienung: Schnell zurecht gefunden

Am meisten überzeugt hat uns die Bedienung des Micra. Blinker, Licht, Getriebe, Radio und Scheibenwischer sitzen auf Hebeln hinter dem Lenkrad, was einen zunächst ob des Überflusses an Hebeln etwas irritiert, doch es braucht nur kurz Gewöhnung. Hinzu kommen zwei Paddel für die Rekuperation, deren letzte Stufe One-Pedal-Driving erlaubt, eine große runden Taste für die Fahrmodi von Sport bis Eco und physische Tasten für die Klimaanlage. Und das nervige Euro-Klingeln? Zweimal auf eine Taste links am Armaturenbrett gedrückt – und Ruhe ist. Selten haben wir uns in einem Testwagen so schnell zurechtgefunden. Der Sprachassistent erledigt den Rest, und wenn doch der Screen ran muss, sind die Touchflächen schön groß gehalten.
Verbrauch: 15,99 kWh je 100 Kilometer
Beim Verbrauch nennt Nissan einen WLTP-Wert von 14,7 kWh je 100 Kilometer und 416 Kilometer Reichweite. Auf unserer Runde über Stadt, Land und Autobahn standen 14,5 kWh. Auf Kurzstrecken sank der Wert unter 14 kWh, Leser berichten in der Stadt sogar von rund 11 kWh. Auf der Autobahn sollte man eher mit 17 kWh rechnen. Im Alltag sind demnach etwa 350 Kilometer realistisch, auf der Autobahn eher 250. Unter dem Strich und mit Ladeverlusten kamen wir auf einen Verbrauch von 15,99 kWh je 100 Kilometer.

Geladen wird mit 11 kW an der Wechselstromsäule und bis zu 100 kW am Schnelllader. Das Google-Navi findet Ladesäulen zuverlässig, konditioniert den Akku vor (manuell geht das nicht) und nennt den Ladestand am Ziel und für die Rückfahrt. Wir haben das freilich ausprobiert: Bei sonnigen 19 Grad kratzte der Micra an einer 200-kW-Säule fast an den genannten 100 kW, danach fiel die Kurve aber (gleichmäßig) ab. Von 15 auf 80 Prozent dauerte es rund 30 Minuten, der Schnitt lag bei 70,8 kW. Das ist für einen Kleinwagen ordentlich. Ein Haken: Wer beim Laden die Zündung einschaltet, etwa für die Klimaanlage, beendet den Ladevorgang. Den AC-Ladestrom begrenzen kann man ebenfalls nicht.
Innenraum: Vorne viel Platz
Zu den Platzverhältnissen. Der Micra ist knapp vier Meter lang und bietet bis zu fünf Plätze. Der mittlere hinten ist allerdings nur ein Notsitz, und auch außen ist die Beinfreiheit knapp bemessen. Der Kofferraum fasst 326 Liter, bei umgelegten Lehnen bis zu 1.106 Liter, allerdings mit Stufe. Die Ladekante liegt bei rund 20 Zentimetern, einen Frunk gibt es nicht. Die Anhängelasten beträgt 500 Kilogramm (ungebremst/gebremst), die Stützlast 63 Kilo. Eine Dachlast wird nicht ausgewiesen.

Vorne sitzt man dafür prima, auch große Fahrer, mit elektrischer Lordosenstütze und üppiger Kopffreiheit. Der Antrieb ist erfreulich spritzig, die Lenkung direkt, das Fahrwerk ein guter Kompromiss, auf kurzen Unebenheiten aber bisweilen etwas störrisch. Dazu kommen ein paar Kleinigkeiten: keine Haltegriffe über den Türen, Türtaschen ohne Platz für Flaschen und ein handtellergroßer Schlüssel. Den muss man zum Glück nicht hervorkramen, denn die Türen öffnen und schließen sich bei Annäherung und Entfernung mit lautem Klacken.
Die Materialqualität kann sich sehen lassen, viele Flächen sind überschäumt und machen einen wertigen Eindruck. Dort aber, wo man nicht allzu oft hinschaut – wie etwa die Mittelkonsole – wird dröges Hartplastik verbaut. Die Verarbeitung insgesamt liegt auf einen guten Niveau.
Preise: Aktuell gesenkt

Kommen wir abschließend zu Preisen und Kosten. Am Preis von bisher 34.900 Euro machte sich auf den sozialen Medien als Reaktion auf unser Test-Tagebuch die meiste Kritik fest. Viele User finden den zu hoch. Im Netz findet man den Micra Evolve neu für rund 33.000 Euro; die dürften auch beim nächsten Nissan-Händler erreichbar sein.
Doch heute, am 9. Oktober, hat Nissan die Preise für den Micra um bis zu 1.710 Euro gesenkt. So kostet die Basisversion Engage mit 40-kWh-Akku und 90-kW-Motor nun statt 27.990 Euro nur noch 26.290 Euro. Die mittlere Stufe Advance kann man mit kleinem Akku nun für 28.290 Euro erwerben (zuvor 29.900 Euro), und der von uns gefahrenen Micra Evolve kostet fortan 33.190 Euro (34.900).

Lohnenswerter aber ist der Blick auf die Gesamtkosten, also die TCO (Total Cost of Ownership). Und hier weist der ADAC Kosten von 733 Euro im Monat oder 58,7 Cent je Kilometer (5 Jahre/75.000 Kilometer) aus. Zum Vergleich: Der Citroen eC3 kommt in Topausstattung auf 49,6 Cent je Kilometer oder 620 Euro im Monat. Der Corsa Electric liegt bei 59,8 Cent/747 Euro. Die Garantieleistung für den Micra liegen bei drei Jahre Fahrzeuggarantie, fünf Jahre auf den Antriebsstrang und acht Jahre oder 160.000 Kilometer auf den Akku.
Im Detail: Höhere Reichweite
Zusammen mit der neuen Preispositionierung halten zugleich einige Detailverbesserungen Einzug in den Micra: Neue Außenspiegel mit optimierter Aerodynamik sowie Anpassungen an Unterboden- und Kofferraumverkleidungen sollen den Geräuschkomfort und reduzieren den Luftwiderstand erhöhen. Durch den geringeren Luftwiederstand erhöht sich die maximale WLTP-Reichweite für beide Batterievarianten auf 325 Kilometer (40-kWh-Batterie) beziehungsweise 427 Kilometer (52-kWh-Batterie).

Fazit: Der Nissan Micra ist nach wie vor kein Schnäppchen, setzt vielmehr auf seine Fähigkeiten als Herzensbrecher und die vielen Qualitäten. Wenig Geklingel, keine übergriffigen Assistenten, klasse Bedienung, spritzig, wendig und in Stadt und auf der Landstraße sparsam. Damit relativiert sich auch der Preis von knapp 35.000 Euro für die Topausstattung. Der Micra ist irgendwie ein Gute-Laune-Auto.
Lesen Sie auch das Test-Tagebuch zum Nissan Micra Evolve.
Nissan Micra 52 kWh Evolve – Technische Daten:
Fünftüriger, fünfsitziger Kleinwagen mit Frontantrieb; Länge 3,97 Meter, Breite 2,02 (mit Außenspiegeln), Höhe 1,49 Meter, Radstand 2,54 Meter, Kofferraum 326 bis 1.106 Liter, Anhängelast: 500 kg (ungebremst/gebremst), Dachlast 80 kg, Stützlast 80 kg.
Motor: Fremderregter Synchronmotor ohne Permanentmagnete mit 110 kW/150 PS, max. Drehmoment: 245 Nm, Hinterradantrieb, 0 – 100 km/h: 8,0 Sekunden, Vmax: 150 km/h, Verbrauch (WLTP): 14,7 kWh/100 km, Akkugröße: 55 kWh (nutzbar 52 kWh), Reichweite: 427 km (WLTP), Ladeleistung: 11 kW (AC)/100 kW (DC).
Messwerte (Sommer): Max. Ladeleistung: AC: 11 kW, DC: max. 96,5 kW, Ladezeit von 15 auf 80 % SoC: 30 Minuten, durchschnittliche Ladeleistung: 70,8 kW, Testverbrauch: 15,99 kWh (inkl. Ladeverlusten), Testrunde (100 km): 14,5 kWh, Reichweite: ca. 300 km.
Bidirektionales Laden: V2L: ja (3,7 kW AC), V2H: nein, V2G: nein.
Preis: 33.190 Euro, Kosten je Km (ADAC): 58,7 Cent, Kosten je Monat (ADAC): 733 Euro.
Mängel am Testwagen: keine.

Gelungenes Design
Vorne viel Platz
Übersichtliche Bedienung
EV-Ladeplanung
Shortcut für Assistenten
Sparsam (Landstraße und Stadt)
Spritziger Motor
Anhängerkupplung möglich

Hinten etwas eng
Enge Türtaschen
Keine Ladestrombegrenzung
Keine Haltegriffe


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